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Buchcover Lars Joachim Grimstad: Finn und die geklauten Kinder

Rezension von Eva Maus

Finn Fahrs Leben hat sich in letzter Zeit sehr verändert. Sein Vater ist nicht mehr Taxifahrer, sondern Ministerpräsident Norwegens und so wohnen sie plötzlich in einem Palast. Als der Diktator von Nordboresien dem Ministerpräsidenten nun auch noch seinen jüngsten Sohn als Gastgeschenk mitbringt, fangen die Abenteuer erst richtig an...

BuchtitelFinn und die geklauten Kinder
AutorLars Joachim Grimstad; mit Illustrationen von Irene Marienborg (aus dem Norwegischen übersetzt von Antje Subey-Cramer)
GenreAbenteuer
Lesealter10+
Umfang352 Seiten
Edition1
VerlagDressler
ISBN978-3-7915-0728-6
Preis14,95 €

Finn Fahrs Leben hat sich in letzter Zeit sehr verändert. Sein Vater ist nicht mehr Taxifahrer, sondern Ministerpräsident Norwegens und so wohnen sie plötzlich in einem Palast. Als der Diktator von Nordboresien dem Ministerpräsidenten nun auch noch seinen jüngsten Sohn als Gastgeschenk mitbringt, fangen die Abenteuer erst richtig an: Finns neuer nordboresianischer Bruder, Kimmelim genannt, wird von einer Chauffeurin und einem Geheimagenten als Spion-Androide enttarnt und umprogrammiert. Finn nimmt mit Kimmelim und der unerschrockenen Sunniva an einem internationalen Wissenquiz teil und sie decken gemeinsam einen Komplott auf, der den Ministerpräsendeten stürzen sollte.
Zudem forschen sie nach, was hinter dem Verschwinden ihrer Klassenkameraden steckt, weil die Polizei sich kaum für ihr angebliches Ausreißen interessiert. Dabei finden sie  Anzeichen für irrwitzige Entführungen und geraten schließlich selbst in höchste Lebensgefahr.

Normalerweise hatte Finn nicht das Gefühl, dass er in einer besonders unnormalen Familie lebte. Zum einen war sie die einzige Familie, an die er gewöhnt war. Und zum anderen: Gibt es überhaupt so etwas wie eine „normale Familie“? Jede Familie ist doch auf ihre Art ein bisschen unnormal. Eigentlich ist es wohl am normalsten, ein bisschen unnormal zu sein. Und wie langweilig wäre es denn, wenn alle gleich wären?
Das jedenfalls dachte sich Finn, als er Sunniva sein neues Zuhause zeigte. Und er hoffte inständig, dass Sunniva dasselbe dachte. Besonders, als sie auf der Küchenbank neben dem Herd Baba sitzen sahen, die immer noch ihren Morgenmantel anhatte, mit einer Hand im Topf rührte, mit der anderen die Zehennägel lackierte, gleichzeitig in einem Klatschmagazin las, das neben ihr auf der Bank lag, und aufschrie: „Oh mein Gott, das bin ja ich, vorm Schloss!!! Teddyyyy, hier is’n Farbfoto von deiner Mutti in der Zeitung!“
Es fühlte sich ebenfalls nicht völlig normal an, als sie Kimmelim im Arbeitszimmer des Ministerpräsidenten höchstpersönlich vorfanden. Die Tür war für gewöhnlich verschlossen, nun stand sie jedoch weit offen, und auf dem Boden lagen Ordner und Dokumente um Kimmelim, der gerade einen großen Schluck aus der Olivenölflasche nahm. Als er Finn und Sunniva entdeckte, erschrak er so gewaltig, dass die Hälfte wieder hochkam.
„Fnn!“ gurgelte er, bevor es ihm gelang, das Öl hinunterzuschlucken-. „Ich lese nuj ein bisschen übej Nojwegen. Man weiß nie, vielleicht fjagen sie dajübej ja im Kwiss?“
Die größte Überraschung erwartete sie jedoch, als sie in das große Esszimmer kamen, Dort war nämlich der Ministerpräsident Norwegens auf einen der feinen französischen, mit Samt bezogenen Esszimmerstühle geklettert. Da stand er und schrie den Fernsehapparat an, der einen halben Meter von ihm an der Wand stand: „Du verfluchter, beschissener, unbrauchbarer Mistbildschirm! Hab ich dir irgendetwas getan? Häh? HÄH?“

 „Finn und die geklauten Kinder“ ist ein ungewöhnliches Kinderbuch. Das wird spätestens deutlich, wenn der norboresianische Diktator seinen jüngsten Sohn an Finns Vater verschenkt. Doch damit fangen die wahnwitzig-genialen Abenteuer um Finn und seine Freunde erst an…

Finn fühlt sich fehl am Platz in seiner neuen Rolle  und auch in seiner Familie. Sein Vater hat als Taxi-Fahrer die Mehr-Partei gegründet, die von allem Guten mehr verspricht. Doch Finn kann die Euphorie seiner Oma, seines großen Bruders und seines Vaters, dem neuen Ministerpräsenten, über den Wahlsieg nicht so recht teilen, obwohl er seine Familie liebt. Tatsächlich stößt das sehr einfach gedachte Programm der Partei und damit die Beliebtheit seines Vaters schnell an Grenzen, als zwar in Oslo alle Schlaglöcher beseitigt wurden, für die selbe Aktion in den anderen norwegischen Städten allerdings kein Geld mehr da ist. Auch wenn das Versprechen von Gratis-Schokoriegeln, die Umfragewerte des Ministerpräsidenten kurzfristig retten, teilt der Leser doch früh die innere Distanz mit der Finn die Berufung seines geliebten Vaters erlebt. (Ganz nebenbei lernt der amüsierte Erwachsene und der aufmerksame jugendliche Leser viel über die Komplexität der Politik.)

Auch sonst eignet sich Finn hervorragend als Identifikationsfigur. Er erlebt die ersten Schultage in der neuen Schule, ist unsicher und gerade gegenüber Mädchen schüchtern. Gleichzeitig hat er ein besonders gutes Gedächtnis und wird mutig und willensstark, als es darauf ankommt. Auch wenn weder die Polizei noch seine Familie ihn ernstnehmen, setzt er alles daran, die entführten Kinder zu retten. Mit Sunniva und Kimmelim bildet er schnell eine eingeschworene Gruppe, die Freundschaft über alles setzt und die nicht nur die Entführer überwältigen, sondern auch den Ministerpräsidenten vor einem Komplott seines Vize-Präsidenten bewahrt. Weil die Kinder – und vor allem Finn – gute Ideen haben, aufmerksam sind und gut kombinieren, sind sie den stärkeren und mächtigeren Erwachsenen immer um mehrere Nasenlängen voraus und lernen so, Vertrauen in sich zu entwickeln und die Dinge selbst zu regeln.

Trotzdem haben es die drei nicht leicht. Vieles erscheint zu Beginn der Handlung völlig rätselhaft. Das Buch lädt dabei den Leser dazu ein, gemeinsam mit Finn und Sunniva zu knobeln und Zusammenhänge zusammenzuführen, um schließlich zu begreifen, wie alle Geschehnisse zusammenpassen. Gleichzeitig spart Grimstad nicht mit Action: Finn entgeht selbst nur knapp einer Entführung, hängt sich mit Kimmelim an das Entführungs-Müllauto, muss vor der böse OMA-Gruppe durch den dunklen Wald fliehen und wird schließlich gemeinsam mit tausenden Kindern auf ein Schiff entführt, wo er mit Sunniva nur knapp dem Tod durch Ertrinken entrinnt.

Einen besonderen Reiz bekommt das aus Finns Perspektive Geschilderte dadurch, dass die Kinder nicht in einer exotischen Umgebung ihre Abenteuer erleben, sondern dass das Fremde und Unglaubliche unter einer dünnen, alltäglichen Oberfläche brodelt. Kinder werden von Männern mit Gasmasken aus ihren Betten entführt, Respektspersonen entpuppen sich als verrückt gewordene Verschwörer und Brüder werden als Androiden enttarnt. Mit viel Sprachwitz und einer großen Portion Fantasie erzählt Lars Joachim Grimstad kindgerecht eine unglaubliche Geschichte. Die vielen kleinen Zeichnungen auf dem Einband erzählen die ganze Geschichte nach und laden während der Lektüre immer wieder zum Wiederfinden der Handlung und zum Spekulieren, wie es weitergeht, ein. Die 69 Kapitel auf fast 400 Seiten gehen so viel zu schnell zu Ende. Trotzdem hat der Leser das Gefühl, ein noch umfangreicheres Buch gelesen zu haben, weil so viele spannende, actionreiche, rätselhafte und (kindgerecht) verstörende Dinge darin passieren und man Finn, Sunniva und Kimmelim so genau zu kennen meint und lieb gewonnen hat.

Finn und die geklauten Kinder ist witzig, spannend und ein bisschen verrückt – vor allem aber originell. Ein echter Volltreffer!

Finn und die geklauten Kinder eignet sich durch seinen gelungenen Spannungsbogen vor allem für Vielleseverfahren - aber auch zum Vorlesen in der Klasse.
Gleichzeitig bietet es viele Anknüpfungspunkte, um Themen spannend und aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel zu erarbeiten. Das Programm der Mehr-Partei und die Taktiken des Ministerpräsidenten oder auch der Umgang mit Nordboresien, das sehr an eine reale, asiatische Diktatur erinnert, eignen sich wunderbar, um junge Leser für Politik zu interessieren. Ähnliche Ansätze liefert das Buch auch zu der Frage, wieviel Anpassung und Manieren wünschenswert sind und was Freundschaft bedeutet.