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Buchcover Janne Teller: Alles worum es geht

Rezension von Cassandra Heß

Was veranlasst einen jungen Mann jemanden fast totzutreten? Ist Rache ein gutes Motiv oder gar eine Rechtfertigung? Können aus guten Absichten folgenschwere Fehler werden? Wie weit lässt uns der Wunsch nach Zuwendung und Anerkennung gehen? Diese und noch viele andere kritische Fragen stellt Janne Teller in ihrem neuen Jugendbuch „Alles worum es geht“ dem Leser. Eine zentrale Frage, die sich durch das ganze Buch zieht:  In wieweit trägt die Gesellschaft- tragen wir- Mitschuld?

BuchtitelAlles worum es geht
AutorJanne Teller
GenreGesellschaftskritik
Umfang143 Seiten
Edition2013
VerlagCarl Hanser Verlag
ISBN978-3-446-24317-0
Preis12,90 €

Was veranlasst einen jungen Mann jemanden fast totzutreten? Ist Rache ein gutes Motiv oder gar eine Rechtfertigung? Können aus guten Absichten folgenschwere Fehler werden? Wie weit lässt uns der Wunsch nach Zuwendung und Anerkennung gehen?
Diese und noch viele andere kritische Fragen stellt Janne Teller in ihrem neuen Jugendbuch „Alles worum es geht“ dem Leser. Eine zentrale Frage, die sich durch das ganze Buch zieht:  In wieweit trägt die Gesellschaft- tragen wir- Mitschuld?
Das Jugendbuch umfasst ein Nachwort und acht Kurzgeschichten, von denen die letzte Kurzgeschichte jedoch von den anderen abzugrenzen ist. In der achten Kurzgeschichte gewährt Janne Teller dem Leser einen Einblick in ihr Schriftstellerleben, in dem sie auch näher auf  das „Alles“ eingeht, welches sie zum Sammelbegriff  ihres Buches wählt.
Das Oberthema der Kurzgeschichten lässt sich als „Gewalt in der Gesellschaft“ beschreiben, welches mal mehr und mal weniger in den einzelnen Geschichten, neben den eigenständigen, zentralen Themen, auftritt. Die Thematiken reichen hierbei von Mobbing, Sehnsucht nach Zuwendung über Anpassung und Ausgrenzung bis hin zu den Thematiken Rache, Wut und Mord. Somit behandelt Janne Teller in ihrem Buch zahlreiche aktuelle Themen, die durch die Art des Erzählens zum Nachdenken anregen.

„Da ist diese Wut. In meinem Körper verwickelt, im äußersten linken Arm, in der linken Hand, den Nägeln, ja es beginnt in den Nägeln, läuft quer über den Rücken in den rechten Arm, die Hand, die Nägel, endet in den Nägeln, schlängelt sich gleichzeitig weiter, dreht sich in die Lunge hinein, legt sich um die Rippen, drängt hinunter in den Bauch, die Schenkel, links und rechts zugleich, kriecht, verheddert sich, ich spüre, wie es sich in meinen Knien zusammenzieht, in den Knöcheln, den Zehen, man braucht seine Zehen, wenn man losstürmen muss, und das werde ich jetzt gleich, es muss sein, denn es gibt Momente, da darf man töten“ (Bis der Tod uns scheidet, S. 73).

Das gesellschaftskritische Jugendbuch von Janne Teller, das 2013 im Hanser Verlag veröffentlicht wurde, ist eine Sammlung von Übersetzungen dänischer Kurzgeschichten, die über viele Jahre entstanden sind.  
Das Thema „Gewalt“ verbindet diese Kurzgeschichten, doch die Erzählungen an sich behandeln unterschiedliche Thematiken, die im Zentrum jener stehen. Auffallend in allen Kurzgeschichten ist, dass nicht nur ein zentraler Gegenstand behandelt wird, sondern, dass nebenbei auch noch andere problematische Themen erwähnt werden, die für den Verlauf der Geschichte und für das Nachvollziehen der Handlung essentiell wichtig erscheinen. In zahlreichen Erzählungen erscheinen die Beweggründe wichtiger als die eigentliche Tat.
Die Umstände, welche genannt werden, lassen die Tat nachvollziehbar erscheinen.

Sprachlich und erzähltechnisch ist jede Kurzgeschichte unterschiedlich gestaltet.  Mal wird ein komplexer Satzbau verwendet, in anderen Kurzgeschichten bedient sich Janne Teller einer eher einfach gebauten Syntax.
Die Kurzgeschichte „Gelbes Licht“ beginnt mit den Gedanken des Protagonisten, welche kursiv gedruckt sind. Bei einer anderen Kurgeschichte ist der Leser mit der ersten Zeile mitten im Geschehen und bei anderen wird achronologisch erzählt.
Genau dieser Wechsel der Themen und die Vielseitigkeit des Erzählens sind für den Roman charakteristisch. Immer wieder werden dem Leser andere Situationen vorgestellt, mit denen er sich auseinandersetzen muss.
Die Kurzgeschichten erlauben stets nur einen kurzen Einblick in das Geschehen und in die darin vorhandene Problematik, die durch offene Enden keine Lösungen erfahren. Doch trotz alledem verliert keine der Geschichten an Tiefe oder Emotionalität.
Der Leser erhält schnell Zugang zu den Protagonisten und baut Zeile für Zeile Empathie für all diejenigen auf, auch wenn diese selbst die Täter sind. Dies liegt einerseits an dem offenen, unverblümten Umgang mit den kritischen Themen, andererseits aber auch viel an der Erzählform. Die meisten Geschichten wurden in der Ich-Form geschrieben, welches den Leser emotional in das Geschehen einbezieht. Der Leser sieht das Geschehen aus der Sicht des Protagonisten, kennt seine Gedanken, Sehnsüchte und fühlt seine Emotionen mit. Jene Innenansichten sind sehr intensiv und fordern dem Leser viel ab.
Die vielen Leerstellen und rhetorischen Fragen werfen zusätzlich viele kritische Fragen auf und zwingen den Leser Stellung zu beziehen, die teilweise überraschend ausfallen können, nämlich dann, wenn man eine Tat, die man resultierend als grausam beurteilt hätte, plötzlich teilweise nachvollziehen kann. Der Leser steht plötzlich zwischen der gesellschaftlichen Norm und den Gründen des Täters.
Antworten oder gar moralische Wertungen erfährt der Leser in diesen Kurzgeschichten nicht. Dies liegt vor allem an der Erzählform, die Janne Teller häufig wählt. Der Ich- Erzähler stellt weder eine wertende Instanz dar, noch einen pädagogischen Zeigefingern. Das Buch verzichtet auf  Illustrationen, die den Leser möglicherweise beeinflussen könnten. Der Leser soll eigenständig und vorurteilsfrei in die Situation eintauchen und diese auf sich wirken lassen.
Dieses fehlende Verurteilen könnte auch damit begründet werden, dass alle Protagonisten einen Moment erfahren, in dem sie Einsichten gewinnen oder auch Momente, bei denen sie plötzlich von Tätern zu Opfern werden oder umgekehrt. Der Leser ist stets emotional verwickelt und jener Aspekt fordert diesem eine hohe kognitive Leistung ab, was eine Stellungnahme oder gar eine Wertung sehr schwer werden lässt. Die Frage, die in dieser Hinsicht auftaucht, ist jene: Kann man dem Anspruch der Gesellschaft, für alles eine plausible Erklärung zu finden und eine eindeutige Bewertung abzugeben, überhaupt immer gerecht werden?

„Alles worum es geht“ von Janne Teller widmet sich kritischen Themen, die bewegen und zum Nachdenken anregen.  Der Autorin ist es äußerst gut gelungen, den Leser emotional in das Geschehen einzubeziehen, ihn an seine moralischen Grenzen zu führen und manchmal sogar darüber hinaus. Durch die Kürze der Geschichten, die Vielseitigkeit des Buches, die Aktualität der Themen und durch die gebotene Anschlusskommunikation ist das Buch besonders als Schullektüre zu empfehlen und spricht vor allem den männlichen Leser an!

Anhand der aufgeführten Aspekte wird deutlich, dass dieses Buch dem Leser einiges abverlangt: Trotz der Einfachheit der Sprache sind die Erzählungen anspruchsvoll. Es geht in diesem Buch nicht darum, das Erzählte zu lesen und sich allein mit den beschriebenen Angelegenheiten auseinanderzusetzen. In diesen Kurzgeschichten muss der Leser zwischen den Zeilen lesen, muss die Zusammenhänge zwischen dem zentralen Thema und den teilweise nur unterschwellig aufgeführten Nebenthemen erkennen. Er wird gezwungen, sich nicht nur mit den auftretenden rhetorischen Fragen auseinanderzusetzen, sondern auch mit seinen eigenen Gedanken, die beim Lesen der Erzählungen auftreten.
Dies ist auch der Hauptgrund, warum ich einerseits der Ansicht bin, dass dieses Buch für gute Leser geeignet ist und andererseits das Buch als Schullektüre (ab Klasse 9) empfehlen würde. Die einzelnen kritischen Kurzgeschichten bieten sich für Anschlussgespräche im Klassenverbund an. Es ist keine Unterhaltungsliteratur, sondern beschreibt wichtige, aktuelle Themen, die durch die Wahl der Alter der Protagonisten vor allem Jugendliche ab 15 Jahren ansprechen.  Jenes bedeutet nicht, dass dieses Buch ungeeignet für die Freizeitlektüre ist, doch finde ich, dass die Themen durch die Art des Erzählens sehr viele Fragen aufwerfen und Jugendliche damit nicht alleingelassen werden sollten. 
Die Hauptfiguren sind bis auf zwei Ausnahmen männliche Jugendliche. Janne Teller bedient sich bei den Protagonisten keinem typischen Klischee des straffälligen Jugendlichen oder des Ausländerfeindes, sodass jeder Hauptcharakter individuell unterschiedlich ist. Jeder von ihnen muss sich mit unterschiedlichen Konflikten auseinandersetzen und der Leser merkt schnell, dass jede Tat unterschiedliche Beweggründe aufführen kann.
Da auch die Mädchenfiguren nicht das typische Mädchenbild charakterisieren, bin ich der Meinung, dass dieses Jugendbuch vor allem männliche Leser anspricht. Auch die Thematiken der Kurzgeschichten und der verbindende Gegenstand der Gewalt beschäftigt zum größten Teil männliche Jugendliche mehr als weibliche.
Der Aspekt, dass die einzelnen Geschichten eher kurzgehalten werden und jene an sich sehr unterschiedlich ist, bestärkt meine Entscheidung, dass dieses Buch sich als Schullektüre sehr gut eignet und als lesefördernd anzusehen ist. Vor allem männliche Leser könnte dieser Aspekt reizen.
Allerdings spricht die Gestaltung des Covers meines Erachtens männliche Leser durch die Farbauswahl weniger an. Farben wie rot, lila und pink zieren das Cover, auf denen unspektakulär der Titel bedruckt ist.

Janne Teller spricht in diesem Buch offen über aktuelle Tabuthema, die der Lebenswelt der männlichen Jugendlichen teilweise entstammen und scheut sich auch nicht die unverblümte Wahrheit aufzuschreiben. Die Einsicht der Protagonisten, der Wechsel von Tätern zu Opfern und umgekehrt und vor allem das Aufzeigen von Grenzsituationen stellt hierbei die entscheidende Lesemotivation dar. 
2014 wurde dieses Buch für die Kategorie „Preis der Jugendjury“ des Jugendliteraturpreises nominiert. Die Begründungen für diese Wahl lagen in der „faszinierenden Fähigkeit der Autorin, jungen Erwachsenen ein Thema mit vielseitigen Einblicken nahe zu bringen…“ und  dass „trotz der Tiefe und Ernsthaftigkeit der einzelnen Geschichten [ … ]diese angenehm zu lesen [sind ] und [ ] zum Nachdenken an[regen]“
(www.djlp.jugendliteratur.org/preis_der_jugendjury-5/artikel-alles___worum_es_geht-3889.html).
Ich kann die Wahl der Jugendjury sehr gut nachvollziehen, auch wenn ich nicht zu 100% den vorletzten Aspekt des angenehmen Lesens vertrete. Ich stimme der Jungendjury insofern zu, dass die Sprache einfach gehalten wurde. Aber durch die Wahl der Innenansicht, durch die teilweise achronologische Erzählweise oder Gedankensprünge der Protagonisten fordert das Buch dem Leser eine hohe kognitive Leistung ab. Man muss sich mit dem Buch beschäftigen und sich Zeit für dieses Buch nehmen, sodass sich die Geschichten in all ihrer Facettenhaftigkeit entfalten können.