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Buchcover Michael Ende: Momo (oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte)

Rezension von Cristina Loesch

Michael Endes zeitloser Klassiker erzählt von dem Mädchen Momo, das in der Ruine des alten Amphitheaters am Rande einer namenlosen Großstadt lebt. Niemand weiß, woher sie kommt und wie alt sie ist – trotzdem wird Momo herzlich von den Bewohnern der Umgebung aufgenommen, da sie eine ganz besondere Gabe hat: Momo kann stundenlang zuhören und bringt ihre Mitmenschen dazu, Handlungen und Fehlentscheidungen gründlich zu überdenken...

BuchtitelMomo (oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurück-brachte)
AutorMichael Ende
GenreFantastischer Realismus
Gesellschaftskritik
Lesealter10+
Umfang269 Seiten ( inkl. »Kurzes Nachwort des Verfassers«)
Edition2013
VerlagThienemann
ISBN978-3-522-20188-9
Preis9,99 €

Michael Endes zeitloser Klassiker erzählt von dem Mädchen Momo, das in der Ruine des alten Amphitheaters am Rande einer namenlosen Großstadt lebt. Niemand weiß, woher sie kommt und wie alt sie ist – trotzdem wird Momo herzlich von den Bewohnern der Umgebung aufgenommen, da sie eine ganz besondere Gabe hat: Momo kann stundenlang zuhören und bringt ihre Mitmenschen dazu, Handlungen und Fehlentscheidungen gründlich zu überdenken. Auch die Kinder kommen gerne zu dem wunderlichen Mädchen ins alte Amphitheater, denn hier kann man bei aufregenden Gedankenspielen und Abenteuern mitmachen. Als eines Tages jedoch die unheimlichen grauen Herren in der Stadt auftauchen und den Bewohnern nach und nach ihre Zeit stehlen, ist es mit dem schönen Leben im Amphitheater vorbei. Die Menschen haben keine Zeit mehr für Freundschaften und Zuhören, da nur noch schneller Umsatz und Profit zählt. Momo muss ihre besten Freunde Gigi Fremdenführer und Beppo Straßenkehrer zurücklassen, um Hilfe bei Meister Hora und seiner Schildkröte Kassiopeia zu suchen. Wird die kleine Momo die grauen Herren aufhalten und den Menschen ihre gestohlene Zeit zurückgeben können?

»Ich weiß nicht«, sagte Momo eines Tages, »es kommt mir so vor, als ob unsere alten Freunde jetzt immer seltener zu mir kommen. Manche hab ich schon lang nicht mehr gese-hen.«
Gigi Fremdenführer und Beppo Straßenkehrer saßen neben ihr auf den grasbewachsenen Steinstufen der Ruine und sahen dem Sonnenuntergang zu.
»Ja«, meinte Gigi nachdenklich, »mir geht?s genauso. Es werden immer weniger, die meinen Geschichten zuhören. Es ist nicht mehr wie früher. Irgendwas ist los.«
»Aber was?«, fragte Momo.
[…]
Beppo Straßenkehrer, der über Momos Frage nachgedacht hatte, nickte langsam und sagte: »Ja, das ist wahr. Es kommt näher. In der Stadt ist es schon überall. Es ist mit schon lang aufgefallen.«
»Was denn?«, fragte Momo.
Beppo dachte eine Weile nach, dann antwortete er: »Nichts Gutes.«
Und abermals nach einer Weile fügte er hinzu: »Es wird kalt.«
»Ach was!«, sagte Gigi und legte Momo tröstend den Arm um die Schulter. »Dafür kom-men jetzt immer mehr Kinder hierher.«
»Ja, deswegen«, meinte Beppo, »deswegen.«
»Was meinst du damit?«, fragte Momo.
Beppo überlegte lang und antwortete schließlich: »Sie kommen nicht wegen uns. Sie suchen nur einen Unterschlupf.«
Alle drei blickten hinunter auf die runde Grasfläche in der Mitte des Amphitheaters, wo mehrere Kinder ein neues Ballspiel spielten, das sie erst diesen Nachmittag erfunden hatten.  […]
Es war tatsächlich so, wie Gigi gesagt hatte: Es wurden immer mehr, von Tag zu Tag.
Eigentlich hätte Momo sich gern darüber gefreut. Aber die meisten von diesen Kindern konnten einfach nicht spielen. Sie saßen nur verdrossen und gelangweilt herum und guckten Momo und ihren Freunden zu. Manchmal störten sie auch absichtlich und verdarben alles. Nicht selten gab es jetzt Zank und Streit. Das blieb freilich nicht so, denn Momos Gegen-wart tat auch bei diesen Kindern ihre Wirkung und bald fingen sie an, selber die besten Ideen zu haben und begeistert mitzuspielen. Aber es kamen eben fast täglich neue Kinder, sie kamen sogar von weit her aus anderen Stadtteilen. Und so fing alles immer wieder von vorn an, denn wie man weiß, genügt ja oft ein einziger Spielverderber, um den anderen alles zu zerstören.
Und dann war da noch etwas, das Momo nicht recht begreifen konnte. Es hatte auch erst in allerjüngster Zeit angefangen. Immer häufiger kam es jetzt vor, dass Kinder allerlei Spiel-zeug brachten, mit dem man nicht wirklich spielen konnte, zum Beispiel ein ferngesteuerter Tank, den man herumfahren lassen konnte – aber weiter taugte er zu nichts.
Oder eine Weltraumrakete, die an einer Stange im Kreis herumsauste – aber sonst konnte man nichts mit ihr anfangen. Oder ein kleiner Roboter, der mit glühenden Augen dahinwa-ckelte und den Kopf drehte – aber zu etwas anderem war er nicht zu gebrauchen. Es waren natürlich sehr teure Spielsachen, wie Momos Freunde noch nie welche besessen hatten – und Momo selbst schon gar nicht. Vor allem waren alle diese Dinge so vollkommen bis in jede kleinste Einzelheit hinein, dass man sich dabei gar nichts mehr selber vorzustellen brauchte. So saßen die Kinder oft stundenlang da und schauten gebannt und doch gelang-weilt so einem Ding zu, das da herumschnurrte, dahinwackelte oder im Kreis sauste – aber es fiel ihnen nichts dazu ein.

(Kapitel 7, S. 73-75)

Michael Endes Märchen-Roman »Momo« von 1973 ist ein Klassiker der deutschsprachigen Kinder-Literatur, der bis heute nichts von seiner Aktualität und Spannung verloren hat. Die Handlung spielt sich in einer namenlosen modernen Großstadt ab und erzählt von Momo und ihren Freunden, die sich einer alles betreffenden Gefahr stellen müssen: Die grauen Herren stehlen den Bewohnern der Stadt ihre kostbare Zeit, sodass jene unermüdlich, aber lustlos an steigenden Umsätzen arbeiten und sich keine freie Minute mehr für Familie und Freunde gönnen. Momo nimmt den Kampf gegen die Bedrohung der grauen Herren auf und begibt sich in ein phantastisches Abenteuer, um den Menschen ihre Zeit zurückzubringen.

Der Roman beginnt spannungsgeladen mit Momos Auftauchen in der Stadt. Auch wenn die Protagonistin des Romans ein Mädchen ist, können sich junge männliche Leser sehr wohl mit den Grundzügen ihrer Figur identifizieren. Momos auffälliges Äußeres (wilder Lockenkopf, barfuß, Rock aus bunten Flicken, abgewetzte Männerjacke) grenzt sie zwar von den meisten Gleichaltrigen ab, steht jedoch in positiver Weise für eine freie und ungezwungene Kindheit. Sie lebt allein in der alten Ruine des Amphitheaters und scheint recht selbstständig zu sein, was ein wenig an Astrid Lindgrens Abenteurerin Pippi Langstrumpf erinnert. Momo weist zum Einen Naivität und Unschuld auf, andererseits ist sie durch ihre besondere Gabe des Zuhörens und der kindlichen Phantasie ein Vorbild und weiser als so mancher Erwachsener. Mo-mos Freunde bestehen nicht nur aus Kindern, sondern auch aus dem jungen Gigi, der ein Meister im Erfinden von Geschichten ist, sowie dem gutmütigen alten Straßenkehrer Beppo. Auch wenn Momo ungebunden und frei lebt, geht ihr die Nähe zu Menschen und Freundschaft über alles.

»Momo« ist ein Plädoyer für die Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen und kindlicher Phantasie. Die Gesellschaftskritik des Romans äußert sich sowohl in der Spiegelung moderner Arbeitswelten (Profitgier, »Zeit ist Geld«, Qualitätsverlust) als auch in Momos Ablehnung gegenüber Konsumgütern wie teuren Spielzeugen, die kindlicher Phantasie und Kreativität keinen Raum mehr lassen. Jedoch wird diese Kritik weniger direkt geäußert, vielmehr wird der junge Leser selbst zum Nachdenken angeregt. Weiterhin verbindet der Roman real anmutende Figuren und Schauplätze mit zahlreichen phantastischen Elementen (beispielsweise Kassiopeia und Meister Hora), was die Handlung noch bunter und spannungsreicher macht.

Der auktoriale Erzähler berichtet nicht allein aus Momos Perspektive, sondern wechselt den Blickwinkel, sodass auch die Gefühle und Gedanken anderer Akteure (beispielsweise Gigis oder Beppos) zum Tragen kommen. Die Erzählstruktur verläuft insgesamt sehr chronologisch und erzeugt einen handlungsreichen Spannungsbogen, der durch phantasievolle Nebenpassagen (beispielsweise Gigis Erzählungen oder die Gedankenspiele Momos und der Kinder) abgerundet wird.

Die hier vorgestellte Ausgabe vom Thienemann-Verlag (2013) ist sehr ansprechend gestaltet. Bereits der Einband des Buches zeigt vorne und hinten die Originalzeichnungen Michael Endes, auf denen Momo zusammen mit der Schildkröte Kassiopeia in Meister Horas Nirgend-Haus zu sehen ist. Auch innerhalb des Buches finden sich zahlreiche Illustrationen des Autors, meist zu Beginn oder am Ende eines Kapitels. Die Schriftgröße ist eher normal bis klein gehalten. Die Struktur des insgesamt 269 Seiten umfassenden Romans setzt sich insgesamt aus 21 Kapiteln zusammen, die jeweils eine eigene Überschrift haben und durchschnittlich 10 Seiten umfassen. Der gesamte Roman ist in drei Teile gegliedert (1. Momo und ihre Freunde, 2. Die grauen Herren, 3. Die Stunden-Blumen), was das Lesen zusätzlich erleichtert. Endes Sprache ist nicht unbedingt für Leseanfänger geeignet, sollte aber durch ihre generelle Verständlichkeit für mittlere bis gute Leser im Alter von 10-12 Jahren keine Hürde mehr darstellen.

Zusammenfassend ist zu sagen: Michael Endes »Momo« besticht nicht allein durch die Spannung der abenteuerlichen und phantasievollen Erzählung, sondern ebenso durch die tiefere Bedeutung des Inhalts und seine Aussagekraft. Endes Buch ist ein zeitloser Klassiker, der in keiner gut sortierten (Schul-) Bibliothek fehlen sollte.

Zu »Momo« gibt es zahlreiche Begleitmaterialien, u.a. mehrere Hörspielfassungen, die bekannte Verfilmung mit Radost Bokel von 1986 und einen neueren Zeichentrickfilm von 2001. Der Roman eignet sich sowohl zur privaten Lektüre als auch zur Besprechung im schulischen Rahmen, da er Mädchen und Jungen gleichermaßen anspricht und wichtige Themen wie Freundschaft und die heutige Arbeits- und Konsumwelt behandelt. Beispielsweise könnte »Momo« Teil eines Lesetagebuchs oder einer Projektwoche zum Thema »Zeit« werden – die Möglichkeiten sind zahlreich. Durch die Vielzahl der phantastischen Elemente ist der »Märchen-Roman« bereits ein geeignetes Buch für Leser ab 10 Jahren, kann durch seinen inhaltlichen Anspruch aber auch von älteren Jugendlichen und sogar Erwachsenen gelesen werden.