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Buchcover Thorsten Nesch: Der Drohnenpilot

Rezension von T.A. Wegberg

Darius ist 17 und arbeitslos wie sein Vater. Die Mutter ist vor kurzem

gestorben. Den größten Teil seiner Zeit verbringt er mit dem

Computerspiel Raid, bei dem er sich auf immer höhere Level vorarbeitet.

Seine politisch engagierte Freundin Evelyn ermuntert ihn, sich eine

Stelle zu suchen, und tatsächlich bekommt er einen Job angeboten – und

zwar von den Machern des Spiels Raid, als er den letzten Level geschafft

hat...

BuchtitelDer Drohnenpilot
AutorThorsten Nesch
GenreGesellschaftskritik
Lesealter14+
Umfang285 Seiten
Edition1
VerlagMixtvision
ISBN978-3-95854-024-8
Preis13,90 €

Darius ist 17 und arbeitslos wie sein Vater. Die Mutter ist vor kurzem gestorben. Den größten Teil seiner Zeit verbringt er mit dem Computerspiel Raid, bei dem er sich auf immer höhere Level vorarbeitet. Seine politisch engagierte Freundin Evelyn ermuntert ihn, sich eine Stelle zu suchen, und tatsächlich bekommt er einen Job angeboten – und zwar von den Machern des Spiels Raid, als er den letzten Level geschafft hat.

Seine Aufgabe besteht im Steuern von Drohnen, die weltweit zu den verschiedensten Zwecken eingesetzt werden: Überwachung, Aufklärung, Datenerhebung. Sein unbehagliches Gefühl dabei und die Ablehnung seiner Freundin kompensiert Darius, indem er die Freuden eines Gutverdieners genießt, in angesagte Clubs geht und sich an seiner luxuriösen neuen Wohnung erfreut. Doch seine Aufgaben werden immer komplexer, und er beginnt, unter Halluzinationen zu leiden.  

Als er bei einem Einsatz ein unbeteiligtes Kind töten muss, zieht Darius die Notbremse. Er schmeißt seinen Job hin. Doch nun wird er selbst zum Gejagten - und er weiß, mit welchen Methoden seine Widersacher arbeiten…

„Keine Gegenwehr“, flüsterte ich, als könnten uns die Terroristen hören.
„Szenario zwei oder drei?“, fragte Herr Spiess.
„Ich bin für drei.“
„Warum?“
„Wegen der Windrichtung, bei acht Knoten.“
„Richtig.“
Wie besprochen flog ich eine enge Kurve, bei der ich die Drohne auf dreitausend Meter sinken ließ und meine Geschwindigkeit auf ein Minimum drosselte.
Als ich wieder an meinem Ausgangspunkt angekommen war und wir uns davon überzeugt hatten, über einem verlassenen Stück Förderband zu sein, markierte ich das Ziel mit dem Laser.
„Hot?“, fragte Herr Spiess.
Ich schaltete die Piercings scharf. „Hot.“
Herr Spiess betätigte die Sprechfunktaste. „Twelve-Seven over Eel, all clear and hot, over.“
Die Autorität antwortete kurz: „Free.“
Die Sekunden vom Abfeuern zum Abflug der beiden Piercings verstrichen in absoluter Stille, dann zog ich die Drohne hoch, ohne dabei das Ziel aus den Augen zu verlieren, automatisch bewegte sich die Unterrumpfkamera mit.
Die Missiles klinkten aus und zwei Sekunden später schlugen sie zeitgleich ein. Die Explosion war gigantisch, das ganze Plateau schien erleuchtet. Ich beschleunigte auf Höchstgeschwindigkeit und flog zuerst fünfzehn Minuten gen Westen, bevor ich Kurs Richtung Süden nahm.

Für einen begeisterten Videogamer kann es kaum etwas Verlockenderes geben, als diese Tätigkeit zum Beruf zu machen und dafür auch noch gutes Geld zu bekommen. Doch Darius’ Einsätze bei der Firma D-Air sind keine Simulationen, sondern Realität. Allmählich erkennt er, dass die ablehnende Skepsis seiner Freundin Evelyn berechtigt ist, denn hier geht es nicht nur um Schutz- und Sicherheitsaufgaben, sondern hier wird auch auf Menschen geschossen.

Der Drohnenpilot spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft, in der das bedingungslose Grundeinkommen bereits Realität ist. Arbeitsplätze sind rar, einige von Darius’ Freunden arbeiten im fernen Ausland. Er selbst hat nach der Schule keinen Job gefunden und verbringt seine Tage mit Zocken – Raid heißt das Computerspiel, bei dem Drohnen gesteuert werden müssen und in dem er es zu höchster Perfektion bringt.

Seine Freundin Evelyn dagegen ist politisch engagiert und setzt sich für den Erhalt des Schwanenteichs ein, der einer Straßenerweiterung weichen soll. Sie nimmt an Demos und Sitzblockaden teil, während Darius seine ersten Arbeitstage bei D-Air erlebt, der Firma hinter Raid, die Sicherheits- und Aufklärungsflüge mit ferngelenkten Drohnen durchführt.

Er verdient ein gutes Gehalt, bekommt Kleidung und eine luxuriöse Wohnung zur Verfügung gestellt, findet Gefallen an Clubs und Szenerestaurants. Dass er immer häufiger auch in seiner Freizeit an akustischen und manchmal auch optischen Halluzinationen leidet, sei eine normale Begleiterscheinung seiner hochkonzentrierten Arbeit, sagt man ihm – und gibt ihm auch gleich die passenden Tabletten dagegen.  

Darius ist überzeugt, dass er zu den „Guten“ gehört, dass seine Einsätze lediglich Rettungs- und Sicherungszwecken dienen, denn so erklärt es ihm sein netter Chef. Wochenlang lässt Darius sich von den Annehmlichkeiten verführen, die seine neue Arbeit mit sich bringt. Evelyn jedoch ist entsetzt, als sie von seiner Tätigkeit erfährt, und will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Ein erster Zweifel ist gesät. Hat sie Recht? Oder ist das nur eine Überreaktion?

Dann muss Darius einen Einsatz gegen einen angeblichen Terroristen fliegen, zum ersten Mal muss er einen Menschen beschießen. Und dieser Mann ist nicht allein – ein kleines Mädchen namens Kira begleitet ihn.

Darius will sich weigern, aber das gelingt ihm nicht. So bleibt ihm nur, anschließend sofort zu kündigen. Er flüchtet von seinem Arbeitsplatz und sucht Schutz bei der Gruppe von Demonstranten für den Schwanenteich, die im Stadtpark kampiert. D-Air sucht nach ihm, denn er ist vertraglich verpflichtet und außerdem ein Geheimnisträger, er kann nicht einfach gehen. Darius wird zum Gejagten. Gemeinsam mit Evelyn muss er seine Kenntnisse nutzen, um den alles sehenden Drohnen zu entkommen.

Der Drohnenpilot
ist spannend geschrieben und erhält durch die Ich-Perspektive noch größere Unmittelbarkeit. Literarischer Anspruch steht hier nicht im Mittelpunkt, es geht schwerpunktmäßig um das Erzählen einer Geschichte, um Darius’ Entwicklung vom kontaktarmen Loser hin zum erfolgreichen Drohnenpiloten und schließlich zum Aussteiger. Das ist nachvollziehbar und glaubwürdig vermittelt. Auch die Nebenfiguren – Evelyn, Darius’ Vater, der D-Air-Vorgesetzte Spiess – sind lebendig und stimmig gezeichnet, lediglich die mysteriöse Kira bleibt etwas blass und ist nicht ganz eindeutig in ihrer Funktion.

Wenig Zweifel bleiben an der moralischen Positionierung: Die Mächtigen missbrauchen ihre Macht, um die Meinungsfreiheit zu unterdrücken und mit Gewalt gegen Andersdenkende vorzugehen, Angriffe werden zynisch als Schutzmaßnahmen verbrämt, und bei ihren Überwachungsmaßnahmen schrecken Firmen wie D-Air vor nichts zurück. Das ist sehr offensichtlich und vielleicht ein bisschen zu polarisierend, entspricht aber dem politischen Mainstream.

Faszinierend sind die technischen Aspekte des Romans, die mit viel Liebe zum Detail beschrieben werden. Welche Möglichkeiten Drohnen eröffnen, welche umfassende Überwachung damit theoretisch möglich ist – darüber wird man sich nach der Lektüre dieses Buches sicher Gedanken machen. Und in der Verknüpfung zu Computerspielen werden gerade männliche Leser sich gut wiederfinden.

Die Liebesgeschichte, vor deren Hintergrund sich die Handlung entfaltet, spielt eine untergeordnete Rolle und ist womöglich ein bisschen bemüht (warum verliebt die engagierte Evelyn sich überhaupt in den langweiligen, introvertierten Zocker Darius?), was der Spannung aber nicht weiter schadet. Erst durch Evelyns kompromisslose Ablehnung von Darius’ neuer Arbeit – die an sich reichlich übertrieben ist und zudem auf Vorurteilen beruht – wird die spätere Entwicklung überhaupt möglich, insofern hat sie erzählerisch gesehen ihre Berechtigung und ist auch durchaus realistisch.

Das actionreiche Finale, bei dem die Demonstranten im Stadtpark massiver staatlicher Gewalt ausgesetzt werden und das mit einigen futuristischen Schreckensszenarien aufwartet, ist überaus spannend und hat Filmpotenzial.

Die Covergestaltung macht neugierig und vermittelt genau die latente Bedrohlichkeit, die auch im Roman transportiert wird.

Der Drohnenpilot eignet sich als Klassenlektüre, weil der Roman aktuelle Themen mit hohem Diskussionspotenzial aufgreift: Überwachung, Datenschutz, Durchsetzung politischer Ziele, Meinungsfreiheit, aber auch Arbeitslosigkeit und bedingungsloses Grundeinkommen. Für die didaktische Aufbereitung würde ich allerdings empfehlen, über die vorgegebene Wertung hinauszugehen und weitere Pro- und Kontra-Aspekte beider gegensätzlicher Positionen in die Diskussion mit einzubringen.