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Buchcover Alfred Weidenmann: Gepäckschein 666

Rezension von Johannes Groschupf

Peter Pfannroth ist neuer Page im Hotel Atlantic in Hamburg. Als er einen Koffer aus Amerika vom Bahnhof abholen soll, kommt es zu einer folgenschweren Verwechslung.

BuchtitelGepäckschein 666
AutorAlfred Weidenmann
GenreKrimi & Thrill
Lesealter12+
Umfang383 Seiten
Edition1 (Neuauflage als Loewe-Taschenbuch; Erstausgabe 1953)
VerlagLoewe
ISBN978-3785573679
Preis7,95 Euro

Peter Pfannroth ist neuer Page im Hotel Atlantic in Hamburg. Als er einen Koffer aus Amerika vom Bahnhof abholen soll, kommt es zu einer folgenschweren Verwechslung. Der Gepäckschein wird falsch herum gehalten, und Peter ist jetzt im Besitz eines Koffers, in dem die Beute eines Bankraubs versteckt ist. Mit der Hilfe sämtlicher Schuhputzerjungen der Stadt kommt er dem Bankräuber auf die Spur. Allerdings ist der ihnen schon selbst auf den Fersen.

Nebenan schnappten währenddessen zwei Kofferschlösser, zuerst das eine, dann das andere. Peter hatte eine ganze Weile versucht, sie mit den Oversea’schen Schlüsseln zu öffnen, aber diese Schlüssel passten nicht.
Und jetzt zeigte es sich, dass die Schlösser gar nicht verschlossen waren. Ein Druck mit dem Daumen hatte genügt.
„Deshalb also das Wäscheseil mit seinen achtundzwanzig Knoten!“, dachte Peter und schlug den Kofferdeckel hoch. Ein paar Sekunden später blieb ihm die Luft weg.
„Das ... das ist ja ... !“, stammelte er und dann sprang er auch schon hoch, stürzte zum Bad und riss die Tür auf.
Francis hatte mit Singen aufgehört und drehte gerade seine Dusche ab. „Was gibt’s?“, fragte er und lachte. Aber dann sah er Peters Gesicht. Dieses Gesicht war weiß wie ein Handtuch.
„He, was hast du?“
„Der ... der Koffer!“, japste Peter.
Das genügte.
Klitschnass und nackt, wie er war, sprang Francis aus seiner Badewanne. Nach fünf oder sechs ziemlich deutlichen Fußabdrücken auf dem Zimmerteppich stand er vor dem Koffer.
„Ist er das?“, fragte Peter.
Francis schüttelte den Kopf. „Noch nie gesehen!“
In dem Koffer lag nichts als alte Wäsche. So sah es wenigstens auf den ersten Blick aus. Aber Peter hatte einen Teil dieser alten Wäsche zur Seite geschoben und darunter war Zeitungspapier sichtbar geworden. Und als er jetzt dieses Zeitungspapier noch weiter auseinanderschlug – lagen da eine Menge Banknotenpakete, sauber gebündelt und nebeneinander wie die Bücher in einer Bibliothek. Eine Handvoll Hundertmarkscheine lagen lose obenauf.
Wenn man von den paar alten Wäschestücken und dem Zeitungspapier absah, nichts als Geld!
Der ganze Koffer war voller Geldscheine.

(Seite 241 – 242)

Ein Jugendbuch-Klassiker: fünfzig Jahre alt und trotzdem immer noch lesenswert. Weidenmann versteht sein Handwerk des raschen, lebendigen, filmischen Erzählens. „Gepäckschein 666“ ist ein reiner Unterhaltungskrimi.

Weidenmanns Roman ist spürbar angelehnt an Erich Kästners Welterfolg „Emil und die Detektive“. Kästner ließ als einer der ersten Kinderbuchautoren selbstbewusste Großstadtkinder, Berliner Jungen wie Mädchen, in seinen Romanen auftreten. Unvergessliche Gestalten wie Gustav mit der Hupe und Pony Hütchen! Das war 1929.

Weidenmann schreibt 1953. Jetzt ist der Schauplatz Hamburg, wenn auch ein recht oberflächliches Bild der Stadt gezeichnet wird – es gibt keinerlei Kriegsschäden oder sonstige Traumata.
Der Held Peter Pfannroth kommt aus ärmlichen Verhältnissen, zu Beginn arbeitet er als Schuhputzer am Bahnhof. In Sichtweite findet ein Banküberfall, maskiert als Filmszene, statt. Die Bankräuber entkommen, die Polizei steht ratlos da.
Der Roman nimmt sich dann die Zeit, Peters Welt in einprägsamen Szenen zu zeigen: Box-Klub und Kämpfe um die Stadtmeisterschaft, Freundschaft mit den anderen Schuhputzern, Zusammenhalt mit der Mutter, Geldknappheit, Vorstellungsgespräch als Hotelpage, die ersten Tage im großen Hotel. Die Krimihandlung um den Bankraub gerät darüber etwas aus dem Blick, bis Peter – im letzten Drittel des Buches – einen Koffer voller Geldscheine findet und die Jagd auf den Bankräuber beginnt. In deutlich filmisch inspirierten Action- und Verfolgungsszenen kommt es zum Showdown, bei dem die Schuhputzerjungen der Stadt gemeinsam die beiden Schurken dingfest machen.
Das ist durchaus sympathisch erzählt; die Welt der Fünfziger Jahre wirkt behütet und heil. Peter hat ein inniges Verhältnis zu seiner Mutter (ganz wie Emil Tischbein zu seiner), er verhält sich den Erwachsenen gegenüber höflich und gehorsam. Die Erzählung betont das Zusammengehörigkeitsgefühl der Jungen, Schuhputzer wie Pagen. Die einzige Mädchenfigur bleibt flach.
Die Sprache ist anheimelnd altmodisch, manchmal etwas gespreizt für unsere heutigen Ohren. Der Aufbau wechselt durchaus gekonnt zwischen raschen Aktionsszenen und ruhigen Zwischenstücken, insgesamt ist das Tempo deutlich gemächlicher als in heutigen Büchern.

Das Cover kommt im sympathischen Retro-Look daher. Titelschrift und die flotte Zeichnung des Hotelpagen sind typisch Fünfziger Jahre. Vielleicht hilft es den Großeltern bei der Kaufentscheidung. Auch abgesehen davon ist es ein munteres, dynamisches Cover, das den Geschmack von heutigen Jungen durchaus treffen könnte.

Ein interessantes Buch, wenn man hineingefunden hat. Jungen, die Kästners „Emil und die Detektive“ toll fanden, werden es gern lesen.


Eine Bemerkung zum Autor: Alfred Weidenmann (1916 geboren) wurde bereits 1934, achtzehnjährig, Mitglied der NSDAP und der Hitlerjugend. Er wurde zunächst Presse- und Propaganda-Referent und war anschließend in der Propagandaabteilung der Württembergischen Hitler-Jugend Abteilungsleiter für die Sparte Film. 1936 erschien Weidenmanns erstes Buch „Jungzug 2“, eine Hitler-Jugend-Erzählung. 1939 leitete er die „Kriegsbücherei der deutschen Jugend“. Von 1938 bis 1940 übernahm er, als Nachwuchsschriftsteller gefördert, die Herausgabe der dreizehnbändigen Buchreihe „Bücher der Jungen“. Weidenmanns 1939 entstandener Roman „Jakko“ über die Marine-HJ wurde 1941 verfilmt. 1940 musste Weidenmann zum Frankreichfeldzug und nach Russland einrücken, wurde danach aber freigestellt. 1942 übernahm er als Leiter und Regisseur die HJ-Filmschau Junges Europa und wurde zugleich Leiter der Hauptabteilung „Film“ in der Reichsjugendführung unter Baldur von Schirach. Im selben Jahr debütierte er als Filmregisseur mit dem Spielfilm Hände hoch! Als die Rote Armee in Berlin einmarschierte, geriet Weidenmann in russische Gefangenschaft. Mehrere seiner Schriften wurden in der Sowjetischen Besatzungszone auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.
Soweit Wikipedia. Weidenmann war also ein aktiver und geförderter Propagandist des Nazi-Regimes. Nach der Gefangenschaft hat er Jugendromane geschrieben wie den hier besprochenen, der 1953 erschien. Zudem machte er auch als Film- und Fernsehregisseur Karriere – bis weit in die 1980er Jahre hinein hat er nahezu jährlich einen Film fertiggestellt. Die Jugendbücher wie die Filme sind reine Unterhaltungswerke, sie transportieren keine politische Ideologie.
Sollte man den Jugendkrimi „Gepäckschein 666“ dennoch empfehlen? Ich würde sagen: Ja. Der Roman ist geschickt erzählt, zeigt eine farbige und lebendige Welt der Fünfziger Jahre in einem durchaus spannenden Handlungsrahmen.

Der Roman ist am besten für Selbstleser oder zum Vorlesen geeignet. Die Welt der Fünfziger Jahre ist durchaus reizvoll, wie ja auch bei „Emil und die Detektive“ ein großer Reiz in der nostalgischen Modernität des Buches liegt. Spannend ist es allemal.

Im schulischen Gebrauch kann das Buch im Vergleich zu Kästners Roman gelesen werden. Als Klassenlektüre jedoch eher nicht; die Mädchen finden hier keine Identifikationsfigur.