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Buchcover Carl Hiaasen: Echte Biester

Rezension von Johannes Groschupf

„Echte Biester“ sind uralte Alligatoren, die einen Reality-TV-Star zur Verzweiflung bringen. Der junge Tiertrainer Wahoo zeigt ihm, wie man in den Sümpfen Floridas überlebt. Hiaasen bietet gekonnte, actionreiche und witzige Unterhaltung in einer exotischen Umgebung.

BuchtitelEchte Biester
AutorCarl Hiaasen
GenreAbenteuer
Lesealter12+
Umfang329 Seiten
EditionEnglischsprachiges Original: 2012; deutsche Erstausgabe: 2013 (in der Übersetzung von Michael Koseler)
VerlagBeltz & Gelberg
ISBN978-3407811455
Preis8,95 Euro

Florida, USA: Der 13jährige Wahoo Cray ist zwischen Schlangen und Alligatoren aufgewachsen. Als Sohn eines Tiertrainers bringt ihn so schnell nichts aus der Fassung. Doch als ein Filmteam der Realityshow „Expedition Überleben!“ bei ihnen auftaucht, überstürzen sich bald die Ereignisse. Derek Badger, der divenhafte Star der Sendung will unbedingt mit „echten Biestern“ kämpfen, obwohl er in Wirklichkeit nicht in der Lage ist, eine Fliege zu fangen. Erst bringt er alle an den Rand des Nervenzusammenbruchs, dann verschwindet er lädiert und verwirrt in einem riesigen Sumpfgebiet, den Everglades. Während ein gigantisches Gewitter aufzieht, macht sich Wahoo zusammen mit dem Mädchen Tuna auf die Suche nach dem falschen Helden. Zudem werden sie von Tunas durchgeknallten und gewalttätigen Vater verfolgt.

In den hundertfünfzig Millionen Jahren ihrer Existenz haben die Alligatoren globale Katastrophen überlebt, bei denen Tausende von anderen Tierarten ausgelöscht wurden – Vulkanausbrüche, Überschwemmungen, glühend heiße Dürreperioden, Gletscherschmelzen und Meteoriteneinschläge. Nachdem all die anderen großen Dinosaurier von der Erde verschwunden waren, blieb nur noch der robuste Alligator übrig.

Die ernsthafteste Gefahr, die den Alligatoren je gedroht hatte, ging vom Menschen aus, der sich im zwanzigsten Jahrhundert daranmachte, die Reptilien wegen ihrer dicken, ledrigen Haut abzuschlachten, aus der dann teure Handtaschen, Gürtel und Schuhe angefertigt wurden. In den Sechzigerjahren hatte man die Alligatoren im Südosten der USA, ihrem Hauptlebensbereich, so weit dezimiert, dass sie kurz vorm Aussterben waren. Endlich schritt die Regierung ein und verbot die Jagd auf Alligatoren, bis diese Spezies sich wieder erholt hatte, was nicht lange dauerte.
Kein Lebewesen ist so zäh wie der Alligator.

Im Gegensatz zu dem, was in den Sensationsmedien behauptet wird, gehen wilde Alligatoren dem Menschen instinktiv aus dem Weg und halten sich, wenn sie die Möglichkeit haben, von ihm fern. An die Anwesenheit von Menschen gewöhnte Alligatoren verlieren jedoch schnell alle Scheu, was für beide Seiten zu ernsthaften Problemen führt.

Wahoo hatte keine Ahnung, was in Alices urzeitlichem Schädel vor sich ging, als sie aus dem Wasser des Teichs auftauchte. Verglichen mit all den weltumspannenden Katastrophen, denen ihre Vorfahren ausgesetzt gewesen waren, würde sie einen dicklichen Pseudo-Australier wahrscheinlich nicht als ernsthafte Bedrohung empfinden. Andererseits war sie auch noch nie einem derart durchgeknallten Menschen begegnet.
Möglicherweise sah Alice Derek Badger nicht, weil er sich zwischen den Seerosenblättern befand, möglicherweise legte er es aber auch darauf an, sie abzufangen. Jedenfalls schaffte er es irgendwie, sich wie ein betrunkener Cowboy, der ein Rennpferd besteigt, auf ihren Rücken zu schwingen.

„Jippie!“, grölte er.

Das Einzige, was Raven Stark dazu einfiel, war: „O mein Gott!“
Es verblüffte Wahoo, dass Alice sich das gefallen ließ. Anscheinend versuchte sie herauszufinden, was da eigentlich auf ihr saß und ob in ihrem Magen noch Platz für eine kleine Nachspeise war. Junge Silberreiher und Reiher verwechselten Alligatoren manchmal mit Baumstämmen und ließen sich auf ihnen nieder, nur um dann blitzschnell verschlungen zu werden.
„Runter da!“, schrie Wahoo.
Derek grölte weiter.

Carl Hiaasen versteht es, wichtige Themen und Anliegen von Jugendlichen in witzige und dynamische bis abgedrehte Handlungen zu verpacken. Seine Bücher liest man in einem Rutsch durch – so auch „Echte Biester“. Bei aller Unterhaltung und Spannung geht es ihm stets auch um Naturliebe und um den Schutz der Tiere in Florida, hier vor allem die Alligatoren in den Everglades.

Der Roman ist einfach geschrieben – kurze, klare Sätze, dynamische Dialoge, zudem ein jugendlich ironischer bis sarkastischer Tonfall. Dennoch gelingt es Hiaasen, in seinem Roman auch durchaus ernsthafte Themen anzubieten. Beispielsweise der krasse Gegensatz des Naturschutzes der Tierwelt in den Everglades von Florida einerseits und der oberflächlichen, verlogenen TV-Welt der Reality-Shows andererseits. Exemplifiziert an den beiden Charakteren von Mickey Cray, einem Naturschützer, dessen Ehe und Familie wegen Geldmangel auseinanderzubrechen droht, und dem Reality-TV-Star Derek Badger, einer Diva ohne jegliche Empathie für Mensch oder Tier. Wie es sich für amerikanische Unterhaltung gehört, wird die Action gnadenlos auf die Spitze getrieben, bis Phantasie und Glaubwürdigkeit Purzelbäume schlagen. That’s entertainment, folks! Und die jugendlich-männlichen Leser mögen es, weil sie einfach gut unterhalten werden. Die Sympathien sind klar verteilt, der TV-Angeber bekommt ordentlich den Kopf gewaschen und der reale Bösewicht, Tunas gewalttätiger und selbstsüchtiger Vater, bekommt seine gerechte Straße.

"Echte Biester" hat Anflüge von Eskapismus, er spielt in einer fernen Welt, die oft surreal zu sein scheint, doch die uralten Alligatoren in den Everglades gibt es tatsächlich, und die eingefügten Informationen dazu haben Substanz. Ebenso gibt es die Reality-Shows des Fernsehens, das sich seine eigene Welt zusammenbastelt und das Publikum belügt und betrügt, wenn es denn der Quote dient. Jugendliche sind medienerfahren genug, um hier Anknüpfungspunkte zu ihrer Realität zu bekommen.

Der Roman ist zwar einfach geschrieben, er ist jedoch nicht plump. Dem jugendlich-männlichen Leser wird durchaus ein gutes Textverständnis abverlangt, zum Beispiel in der Brechung der übersteigerten Ego-Sicht des TV-Stars Derek Badger und seiner realen Erlebnisse. Auch der Text wechselt passagenweise in das Format eines Drehbuchskripts, um die Verlogenheit und Künstlichkeit der Reality-Shows anschaulich zu machen.
Einen ernsten Tonfall schlägt Hiaasen an, wenn es um das Verhältnis von Tuna zu ihrem gewalttätigen Vater geht. Hier wird das emotionale Chaos der Tochter, die ihren Vater eigentlich lieben möchte, die seine Trunksucht und damit einhergehenden Gewaltausbrüche aber nicht mehr erträgt, eindrucksvoll thematisiert. Auch wird die Ratlosigkeit des Freundes Wahoo deutlich, der helfen möchte, doch nicht weiß, wie.

Es ist ein Buch für Jungen. Das Hauptaugenmerk liegt auf klarer, praktischer Aktion, Problemlösung und schnellem Szenenwechsel. Die Dialoge sind rasch und auf Witz getrimmt. Es ist gute, gekonnte Unterhaltung, gelegentlich auch überdreht.
 
Gelungen ist auch die Schilderung der skurrilen Naturwelt Floridas, besonders der Everglades mit ihrem Tierreichtum. Wahoos Vater ist Tiertrainer mit der Spezialität Schlangenzucht. "Schon als Junge hatte Mickey Schlangen als Haustiere gehabt - grüne Baumschlangen, Milchschlangen, Rattenschlangen, Wassernattern, Ringhalsnattern, Vipernattern, sogar ein paar giftige Klapperschlangen und Mokassinschlangen. Mickey hatte sie alle selbst gefangen. Und nach wie vor fand er Schlangen faszinierend und geheimnisvoll. Jetzt waren die Everglades von exotischen Pythons überschwemmt, die Rehe, Vögel, Kaninchen und sogar Alligatoren fraßen - wahrhaft raue Verhältnisse. Die Pythons, deren natürlicher Lebensraum Südostasien war, hatte hier nichts zu suchen. Deshalb hatten die US-Regierung und der Staat Florida ihnen den Krieg erklärt." Diese Passage mag verdeutlichen, wie auch informative Passagen in die Romanhandlung eingefügt werden und dem jugendlich-männlichen Lesern so zu einem tieferen Verständnis einer exotischen Problematik verhelfen.

Der Roman ist am besten für Selbstleser geeignet. Er kann auch vorgelesen werden.

Das Buch ist zudem für den schulischen Gebrauch und als Klassenlektüre geeignet.  In der dynamisch erzählten Handlung werden auch ernste Themen angesprochen, die zu Diskussionen anregen: die medialen Fakes von Realityshows; Gewalt und Alkohol in der Familie; Naturschutz und Umgang mit Tieren.