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Buchcover John Boyne: Der Junge auf dem Berg

Rezension von Nicola König

Berchtesgaden zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges: Hier am Obersalzberg wächst Peter in Hitlers Nähe auf. Boyne erzählt in „Der Junge auf dem Berg“ spannend und schonungslos die Geschichte, wie aus dem Kind Pierrot der Nazijunge Peter wird, der durch Macht verführt wird.

BuchtitelDer Junge auf dem Berg
AutorJohn Boyne
GenreGesellschaftskritik
Lesealter12+
Umfang314
VerlagFischer
ISBN978-3-7373-4062-5
Preis16,99
Erscheinungsjahr2017

Boyne erzählt die Geschichte des Jungen Pierrot, der in Frankreich aufwächst und nach dem Tod seiner Eltern im Alter von sieben Jahren zu seiner Tante auf Hitlers Berghof am Obersalzberg zieht. Dort verbringt Pierrot den gesamten Krieg, bis der Hof von den Alliierten eingenommen wird. Boyne aber erzählt vor allem die Geschichte, wie aus Pierrot Peter wird, der - von der Macht verführt - zum Nazi wird und seine Vergangenheit verleugnet. Das Auftreten Hitlers, die Organisation des Staates und besonders das Tragen von Uniformen üben einen ungemeinen Reiz auf den Jungen aus: Er beginnt das Personal auf dem Berghof – zu dem auch seine Tante gehört – zu kommandieren und die Macht zu  spüren. Nach und nach wird er auf dem Berghof zu einem engen Vertrauten Hitlers; und als seine Tante zusammen mit Hitlers Chauffeur ein Attentat auf Hitler ausüben wollen, denunziert er die beiden. Sein letztes Familienmitglied stirbt durch ihn.

Erst als der Krieg zu Ende ist, beginnt Pierrot langsam die Schuld, die er auf sich geladen hat, zu begreifen. Der Kreis schließt sich, als er seinen alten jüdischen Freund und Nachbarn aus Paris wiedertrifft. Während des Krieges hat er ihn verleugnet – jetzt erzählt dieser seine Geschichte.

Eine Leseprobe kann auf der Verlagsseite eingesehen werden.

Boyne erzählt eine eindringliche, spannende und denkwürdige Geschichte, die der Frage nachgeht, wie es dazu kommen konnte, dass aus Menschen Nazis werden, die sich begeistert der Macht anschließen, morden oder zumindest den Tod billigend in Kauf nehmen. Dabei verwebt Boyne Geschichte und Fiktion; auf der Basis von Recherchen integriert er in die realen Geschehnisse auf dem Berghof die Erlebnisse um Pierrot.

Das Buch zieht den Leser von Anfang an in seinen Bann; das liegt vor allem daran, dass man sich mit dem Protagonisten identifizieren kann und mit seinem Schicksal mitleidet: Man verfolgt den Verlust seiner Eltern, die Zeit im Waisenhaus, erste Begegnungen mit Jugendlichen der HJ und seine Ankuft am Obersalzberg. Das Buch fängt den Leser ein, nimmt ihn mit auf eine Reise an einen Ort, an dem er nicht sein möchte und doch gewesen sein sollte. Der Leser begibt sich mit Pierrot neugierig und fassungslos in die Nähe des Abgrundes. Und er steigt darüber hinweg. Dies ist kein klassisches Kinder- und Jugendbuch. Und doch ist es eine Erzählung, die Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen lesen sollten.  Das Buch biedert sich dem jungen Leser nicht an; es nimmt ihn ernst, schont ihn aber auch an keiner Stelle. Wahrscheinlich ist es genau deshalb so faszinierend. Für dieses Buch passt keine Altersangabe; es ist für Erwachsene gleichermaßen wie für Jungen geeignet, die schon etwas über diese Zeit gehört haben. Und so verwundert es nicht, dass der Fischerverlag den Roman auch in der Erwachsenenliteratur führt.
Gleichzeitig entlässt der Roman den Leser versöhnter als noch bei Boynes Roman „Der Junge im gestreiften Pyjama“: Am Ende des Romans stellt sich heraus, dass Anshel Bronstein, Peters jüdischer Nachbar in Paris, der Erzähler ist und dass Peter eine Möglichkeit findet, mit seiner Schuld umzugehen.

Boyne schreibt mit einer klaren, präzisen und doch leisen Sprache, die die Handlung vorantreibt und – aus der Perspektive Pierrots – sich jeder moralischen Bewertung entzieht. Das ist ein Kunstwerk und Pageturner in einem, ein Buch, das einen atemlos und nachdenklich zurücklässt.

Boynes Roman bietet eine Vielzahl unterschiedlicher Ansätze der Leseförderung: So eignet sich der Roman für die Privatlektüre vor allem für diejenigen Leser, die ein an der Realität orientiertes Schreiben mögen. Die Klarheit der Sprache, die Konzentration auf die Handlung und genaue Beschreibungen der historischen Wirklichkeit sowie die Tatsache, dass sich der Autor jeglicher moralischen Wertung entzieht, machen die Lektüre besonders für Jungen, die an historischen Ereignissen und Sachbüchern interessiert sind, reizvoll.
Auf der Handlungsebene dominiert die spannungsgetragene Geschichte der Auflösung des Oberhofes; die innere Handlung jedoch beinhaltet die Entwicklung von Pierrot zu Peter, vom Kind zum Nazi. Diese Ebenen greifen ineinander, können aber unabhängig voneinander rezipiert werden. Während der ungeübtere Leser sich zunächst mit den Ereignissen auf dem Obersalzberg beschäftigen wird, kann sich der geübtere mit der Frage, wie man durch Macht verführt wird, auseinandersetzen. Dieser Aspekt dürfte auch den Schwerpunkt einer schulischen Auseinandersetzung darstellen.
Da der Roman im Sinne der All-Age-Literatur nicht explizit jugendliche Leser anspricht, ist im Rahmen einer privaten Lektüre auch ein Austausch über die Geschichte mit weiteren Lesern innerhalb der Familie möglich, zumal „Der Junge mit dem gestreiften Pyjama“ als Bestseller und Kinoerfolg einen hohen Bekanntheitsgrad genießt.

Im Rahmen einer schulischen Lektüre sind verschiedene Vorgehen denkbar: So kann fächerübergreifend mit dem Fach Geschichte im Rahmen der Behandlung des Nationalsozialismus in der Mittelstufe der Roman gelesen werden. Hierzu kann auf vom Fischer-Verlag bereitgestellte Unterrichtsmaterialien zurückgegriffen werden, die die Handlung aufnehmen.

Auch eine Klassenlektüre ist gut vorstellbar: Neben den bereits angesprochenen inhaltlichen Aspekten, die z.B. im Rahmen von Inhaltsangaben, der Erstellung von Spannungskurven besprochen werden können, ist eine Beschäftigung mit der Erzählperspektive, der Entwicklung der Figuren und der Bedeutung der Fiktion gewinnbringend: Hier bietet es sich an, den Zusammenhang von historischen Ereignissen, der Recherche des Autors sowie der fiktiven Umsetzung zu besprechen. Da mit Katharina, Peters Tante und den Frauen, die auf dem Obersalzberg arbeiten, auch eine weibliche Sicht auf die Ereignisse geworfen wird, dürfte eine Lektüre ebenso für Mädchen interessant sein.