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Buchcover Thilo Reffert: Fünf Gramm Glück. Die Lebensgeschichte einer Brotdose, erzählt von ihr selbst

Rezension von Christina Gürth

Nachrichten aus den Tiefen einer Küchenschublade: Eine Brotdose erzählt. Sobald der Leser den (Buch-)Deckel dieser kurzweiligen und humorvollen Geschichte öffnet, befindet er sich auch schon graphisch zwischen den Butterstullen. So fällt es ihm ganz leicht, die Alltagswelt des Grundschülers Ludwig aus der Perspektive seiner Brotdose mitzuerleben. Und wer hätte geahnt, wie aufregend das Leben eines uns wohlbekannten Alltagsgegenstandes zwischen Kühlschrank, Pausenhof und Spülmaschine sein kann.

BuchtitelFünf Gramm Glück. Die Lebensgeschichte einer Brotdose, erzählt von ihr selbst.
AutorThilo Reffert (mit Illustrationen von Sonja Kurzbach)
GenreHumor & Comedy
Lesealter8+
Umfang57
VerlagKlett Kinderbuch
ISBN978-3-95470-155-1
Preis11,95

Vermeintlich vergessen und verlassen liegt eine Brotdose in den dunklen Tiefen einer Küchenschublade und entschließt sich, ihre Lebensgeschichte zu erzählen.

Sie berichtet daraufhin von ihrer Erschaffung in einer chinesischen Fabrik, ihrem Transport nach Europa und weiteren Erlebnissen im Zusammenhang mit ihrer eigentlichen Bestimmung als Pausenbrotdose des Erstklässlers Ludwig. Ein ganzes Schuljahr lang hat sie ihren Ludwig treu begleitet und dabei für ihn die unterschiedlichsten Leckereien und auch mal eine Portion Glück (für ein Referat) transportiert. Sie hat Bekanntschaft mit der Lebensmittelgemeinschaft im Kühlschrank geschlossen, in Schaum gebadet und sogar einen Höllenritt durch die Spülmaschine überlebt. Ihr schlimmstes Erlebnis war jedoch, als sie erst von Ludwig im Bus vergessen wurde, dann als Hundefutterdose dienen musste und erst nach einem Umweg übers Fundbüro ihren Weg zurück zu ihrem Besitzer finden konnte.  

Zum Zeitpunkt des Erzählens verlebt die Brotdose ihre bisher dunkelsten Stunden. Und als sie schon denkt, dass ihr letztes Stündlein geschlagen hat und sie sich vom ‚großen Recycling‘ eine Wiedergeburt als Badeente erhofft, wird es plötzlich wieder hell. Die Schublade geht auf und die Brotdose erkennt, dass ihr Leben durchaus noch nicht beendet ist und sie ihren Ludwig auch im kommenden Schuljahr wieder in die Schule begleiten darf.

„Ich will die Geschichte meines Lebens erzählen“, kündigt eine Brotdose zu Beginn des Textes an und versetzt mit dieser Aussage die zunächst irritierten Leser in eine freudig gespannte Erwartungshaltung. Diese außergewöhnliche Perspektive − das Erzählen aus der Sicht eines profanen Alltagsgegenstandes − ist in der Folge die Grundlage für die besondere Komik in diesem überaus originellen Kinderbuch.

Außergewöhnlich und ein besonderes Highlight ist auch die Gestaltung des Covers, das den Leser schon auf die kuriose Hauptfigur und die ungewöhnliche Erzählperspektive vorbereitet. Das Cover zeigt die Oberseite einer türkisen Brotdose und das Buch wird auch wie eine Brotdose geöffnet. So liest man das Buch, ganz unüblich, im Querformat mit nach oben aufzublätternden Seiten. Nach dem Öffnen des Buchdeckels gibt das Vorsatzpapier den Blick in das Innere der – natürlich(!) nur mit gesunden Leckereien − befüllten Brotdose frei.
Aber nicht nur ein Pausenbrot hält die Dose für den Betrachter bereit, sondern sie ist, wie sich zeigen wird, auch randvoll gefüllt mit Geschichten und Erinnerungen. In Rückblenden erzählt die Brotdose in insgesamt zehn locker verbundenen Kapiteln einzelne Episoden aus ihrem Leben. Dabei weist die Geschichte einen graphisch deutlich erkennbaren Erzählrahmen auf, der es auch literarisch ungeübten Lesern ermöglicht, die verschiedenen Erzählebenen (aktueller Zeitpunkt des Erzählens in der dunklen Küchenschublade – die erinnerten Erlebnisse) zu unterscheiden.
Insgesamt unterstützen die zahlreichen Illustrationen maßgeblich das Textverstehen. Sonja Kurzbach gelingt es mit ihren ansprechenden Bildern, die erzählten Inhalte aufzugreifen und darüber hinaus einzelne Textdetails witzig und pointiert auszugestalten. Die Kapitel umfassen jeweils nur wenige Textseiten und beinhalten viele ganzseitige Illustrationen, so dass das Buch insgesamt sehr lesefreundlich ist.

Schriftgröße, Satzkonstruktionen und Textstruktur erscheinen insbesondere auch für wenig erfahrene Leser geeignet. Jedoch weist gerade der Textanfang, der von der Erschaffung der Brotdose in einer chinesischen Fabrik und ihrem Transport nach Europa berichtet, einige schwierig zu lesende Wörter (beispielsweise Eigennamen oder auch technische Fachbegriffe) auf, für die beim eigenständigen Lesen im Einzelfall Unterstützung durch einen erfahreneren (Vor-)Leser notwendig sein könnte.
Allerdings sind manche dieser schwierigen Wörter durchaus reizvoll, so kann man durch ihre nähere Erkundung der vom Autor Thilo Reffert gelegten Spur in die reale Welt folgen: über moderne industrielle Fertigungsanlagen in einer chinesischen Hafenstadt hin zur „Emma Mærsk“, dem zeitweise größten Containerschiff der Welt, welches auch aktuell noch auf dem Transportweg zwischen China und Europa im Einsatz ist.
Bei technikinteressierten Jungen könnte sich das in diesem Zusammenhang verwendete fachliche Vokabular daher teilweise sogar eher als lesemotivierend denn als Hindernis erweisen; und es mag ggf. auch (aus entsprechender Sachtextlektüre) schon vertraut sein.

Den größten Anteil der Erzählung nimmt die Schilderung der kleineren und größeren ‚Abenteuer‘ ein, welche die sympathische Hauptfigur als Pausenbrotdose im Dienst des Erstklässlers Ludwig besteht. Sie berichtet über Situationen, die von ihr selbst häufig als bedrohlich empfunden werden, dem ‚wissenden‘ Leser aber daher umso lustiger erscheinen. Denn geschlossene Kühlschranktüren oder beispielsweise Spülmaschinen stellen aus seiner Perspektive keine eigentliche Gefahr dar. Dabei gelingt es dem Autor eindrucksvoll, die jungen Leser stets an den Gefühlen der Brotdose teilhaben zu lassen und die ihnen vertraute Alltagswelt aus einem ganz neuen Blickwinkel wahrzunehmen. Für viele komische Effekte und Humor sorgt dabei die besondere ‚Brotdosen-Sicht‘ auf die ganz normale Alltagswelt eines Grundschulkindes. Die Geschichte gibt überdies Einblicke in eine von den Menschen nicht wahrgenommene, geheime Welt der Alltagsgegenstände.  Gerade die witzigen Dialoge zwischen den verschiedenen Alltagsgegenständen tragen zur kurzweiligen Lektüre des Buches bei und eignen sich auch hervorragend zum ausgestalteten Vorlesen.

Darüber hinaus gibt das Buch aber auch Denkanstöße im Hinblick auf ernstere Themen wie z.B. Angst oder Freundschaft. Auch wenn man bei Ludwig und seiner Brotdose nicht von Freundschaft im herkömmlichen Sinne sprechen kann, so haben beide doch eine ganz besondere Beziehung zueinander. Vor allem in den Kapiteln „Vom Verlorengehen“ und „Vom Gefundenwerden“ wird diese enge Bindung zwischen Kind und Gegenstand ausführlich erzählerisch ausgestaltet.

In dem gelungenen Zusammenspiel aus Text und Bild vermag das Buch „Fünf Gramm Glück“ junge Leser − und natürlich auch Leserinnen −  humorvoll zu unterhalten. Darüber hinaus gelingt es auf eine ganz unaufdringliche Weise, eine Reflexionsebene auch für ernstere und gesellschaftlich relevante Themen zu eröffnen: z.B. Recycling, die Problematik globaler Transportwege, gesunde Ernährung. Die Lektüre des Textes ist somit auf verschiedenen Ebenen möglich und daher auch noch für ältere Grundschulkinder lohnenswert.
Besonders beim Vorlesen wird das Buch seinen besonderen Humor entfalten können – und der Text hat durchaus das Potenzial so nachzuwirken, dass sich manch ein (Vor-)Leser /Zuhörer fragen mag, was denn die eigenen Gegenstände so alles zu berichten hätten.

Das Buch ist für Leseanfänger konzipiert, ist aber insbesondere auch zum Vorlesen – z.B. auch in einer größeren Gruppe – zu empfehlen. Insgesamt kann das Buch gut in der Kombination von Vorlesen und eigenständigem Lesen rezipiert werden. Liest man den Anfang der Geschichte vor, so kann dies dazu beitragen, dass bei ungeübten Lesern der Lesegenuss nicht durch das etwas anspruchsvollere Vokabular zu Beginn der Geschichte getrübt wird.
Die witzigen Dialoge zwischen den Alltagsgegenständen bieten sich für Übungen zum szenischen Lesen an und könnten Kinder dazu anregen, sich eigene Geschichten oder Dialoge aus der Sicht von eigentlich unbelebten Alltagsgegenständen auszudenken.
Am Ende der Geschichte weist die Brotdose auf zahlreiche noch unerzählte Abenteuer hin (z.B. „wie ich den Sturz vom Fernsehturm überstand“ o. „wie ich half, einen Goldfisch zu retten“ (S.57)), diese könnten hervorragend als Ausgangspunkt für eigene Erzähl- oder Schreibanlässe genutzt werden.

Inhaltlich ist das Buch anschlussfähig an die verschiedensten Grundschulfächer und legt daher auch einen Einsatz in fächerübergreifenden Projekten nahe. Die Themen Recycling, gesunde Ernährung und globale Transportwege von Containerschiffen bieten zahlreiche Gesprächsanlässe und lassen sich auf jeweils verschiedenen Niveaus erforschen.
Der Verlag stellt Begleitmaterial zum Download bereit, welches vom Buchautor verfasst wurde und zahlreiche Anregungen zum Einsatz des Textes in verschiedenen Unterrichtsfächern bietet - neben Deutsch z.B. auch Sachunterricht, Musik, Kunst und Sport.

Auf den Verlagsseiten fordert der Autor dazu auf, eigene Erfahrungen, die Lehrkräfte in Unterrichtsprojekten mit „Fünf Gramm Glück“ gesammelt haben, zurückzumelden, um sie weiteren Leser*innen online zugänglich zu machen. Zukünftig ist so hoffentlich auch mit weiteren Anregungen zur Leseförderung auf der Verlagsseite zu rechnen, die auf den praktischen Erfahrungen von Lehrkräften basieren.   

„Fünf Gramm Glück“ wurde 2015 zunächst als Hörspiel veröffentlicht. Die mitunter etwas schwierigen Wörter am Textbeginn sind im Hörspiel, in dem die Brotdose eine männliche Sprecherstimme hat, wesentlich einfacher zu verstehen. Dementsprechend würde es sich im schulischen Kontext auch anbieten, den Hörspielanfang als Einstieg in das selbstständige Lesen zu nutzen.
Für die Buchfassung wurde der Text überarbeitet, so dass das Hörspiel teilweise stark vom Schrifttext abweicht, beide Medien können also nicht parallel rezipiert werden. Für etwas ältere Grundschüler*innen könnte der Medienvergleich zwischen Buch und Hörspiel aber bereits sehr lohnenswert sein. Das Hörspiel ist über die Mediathek des Deutschlandradios abrufbar.


Für ältere Leser*innen könnte es auch interessant sein, der Spur der Emma Mærsk, dem in der Erzählung erwähnten gigantischen Containerschiff, zu folgen. So können über das Internet die globalen Transportwege durch die satellitengestützte Darstellung realer Schiffsbewegungen sichtbar gemacht werden. Mit Unterstützung durch eine erwachsene Person (es handelt sich nicht um eine Internetseite für Kinder!) kann so beispielsweise auch die Position der Emma Mærsk - auf ihrer Route zwischen China und Europa - online nachverfolgt werden.

Bei Antolin können zu diesem Buch Punkte gesammelt werden.