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Buchcover Andrea Badey / Claudia Kühn: Strom auf der Tapete

Rezension von Johannes Groschupf

Ron Robert Ranke verträgt keinen Stress. Doch als er Clara kennenlernt, ein Cabrio klaut und mit ihr in ein gottverlassenes Dorf an der polnischen Grenze fährt, um seinen Vater zu finden, ist ordentlich Strom auf der Tapete. Eine Road-Novel aus der Brandenburger Ödnis, mit Schwung und hinreißendem Wortwitz.

BuchtitelStrom auf der Tapete
AutorAndrea Badey/ Claudia Kühn
GenreComing of Age
Lesealter14+
Umfang180
VerlagBeltz & Gelberg
ISBN978-3407822116
Preis12,95
Erscheinungsjahr2017

An seinem 16. Geburtstag fasst Rob Robert Ranke den Entschluss, seinen Vater zu suchen. Er leidet unter immer wiederkehrenden Alpträumen und hat sich im Alltag ein Set von Überlebensstrategien zurechtgelegt. Seine Mutter ist eine Chaotin, sein Vater unbekannt, deshalb will Ron ihn endlich ausfindig machen. Zu seinem Geburtstag bekommt er von seiner Mutter eine Fahrt im Cabrio geschenkt, sitzt aber unversehens selbst am Steuer und hat ein Polizeiauto im Nacken.

Auf dieser Flucht wird er von der Mitschülerin Clara begleitet, die im Rollstuhl sitzt, reiche Eltern und Haare auf den Zähnen hat. Die Fahrt von einem Plattenbau im Vorort von Frankfurt an der Oder durch das östliche Brandenburg bis in ein gottverlassenes Dorf an der polnischen Grenze wird zu einer Folge von Abenteuern, Irrungen und Wirrungen, Streitereien und Versöhnungen, skurrilen Begegnungen und einer unverhofften Selbstfindung.

Eine Leseprobe kann auf der Verlagsseite eingesehen werden.

Auch wenn sehr rasch die Nachbarschaft zu Herrndorfs Blockbuster „Tschick“ deutlich wird, ist dies kein Me-too-Produkt, sondern ein wirklich gelungenes Beispiel für frische Jugendsprache und haarsträubende Situationskomik. Es macht einfach Spaß, diesen Roman zu lesen, und das wird auch Jungen, die nicht notorische Leser sind, so gehen. Denn bei aller Zuspitzung erzählen die beiden Autorinnen doch von Lebensumständen, die den meisten Jugendlichen bekannt sein dürften – auf eine Weise jedoch, die auch traumatische Erlebnisse erträglich macht.

Der Roman wird getragen von den beiden Hauptfiguren Ron, dem Ich-Erzähler, und Clara, seiner Begleiterin. Ron hat eine überforderte Mutter, die zu viel dem Alkohol und wechselnden Männern zuspricht. Clara hat reiche, aber abwesende Eltern und sitzt nach einem Unfall im Rollstuhl. Beide meistern ihr Schicksal mit einem nüchternen, manchmal ruppigen Brandenburger Humor, der durchaus eine zarte Seele durchscheinen lässt.

Die Spritztour der beiden wird zu einem Ausbruch aus dem bisherigen Trott und zu einer gemeinsamen Suche nach der Herkunft, eigentlich aber nach einer eigenen Zukunft, womöglich sogar einer Beziehung.

Die Aufmachung des Buches ist gelungen. Das helle Cover mit einem weißen Cabrio in den Wolken, dazu eine ungelenke Titelschrift sollte Jungen und Mädchen gleichermaßen ansprechen. Die Redewendung „Strom auf der Tapete“ wird nicht jedem geläufig sein, doch sie lädt ein, sich mit dieser Sprache vertraut zu machen.

Der Roman ist sehr zu Recht mit dem Peter-Härtling-Preis 2017 ausgezeichnet worden.

Der Roman eignet sich vor allem als private Lektüre für Leser, die bereits eine mittlere Leseerfahrung haben. Die Sprache ist einfach und jugendlich, zudem wirklich witzig und wortspielerisch. Dieser Roman ist ein Beispiel für eine gelungene Jugendsprache, die kreativ mit den aktuellen Redewendungen und Topoi spielt. Nicht nur jugendliche Leser werden an ihre Freude an diesem Tonfall haben.

Für männliche Jugendliche ab 14 ist der Roman deshalb besonders zu empfehlen, weil er einenmännlichen Protagonisten vorstellt, der differenziert beschrieben und ausgelotet ist, der seine Stärken und auch klaren Schwächen und Macken hat – ein alltäglicher, aber vertrauenswürdiger Charakter.

Zudem erschließt der Roman mit der Plattenbausiedlung vor Frankfurt/ Oder und den Landschaften und Dörfern des östlichen Brandenburg eine literarisch noch kaum erzählte Gegend. Herrndorfs „Tschick“ ist sozusagen schon vorausgefahren, aber „Strom auf der Tapete“ ist kein imitierender Nachzügler, sondern ein ernstzunehmender und eigenständiger Nachfolger.

Auch für freie Lektüre im schulischen Kontext ist der Roman durchaus denkbar. Die angesprochenen Themen von Vatersuche, Umgang mit Behinderung, Aufbruch aus dem Alltag können Fragen aufwerfen, die interessante Diskussionen versprechen, zumal hier nie der pädagogische Zeigefinger erhoben wird, sondern aus einer frischen jugendlichen Perspektive heraus erzählt wird.
Ebenso ist der Roman als Klassenlektüre geeignet. Sowohl Jungen wie auch Mädchen haben in Ron und Clara Identifikationsangebote.