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Buchcover T.A. Wegberg: Meine Mutter, sein Exmann und ich

Rezension von Ines Heiser

Joschka wäre am liebsten einfach nur ein ganz normales Scheidungskind – aber: Da ist seine Mutter, die Frederik heißen und als Mann leben möchte. Ein nicht ganz gewöhnlicher Familienroman über Freundschaft, Verwandtschaft und die Suche nach der eigenen Identität, bei dem trotz aller Ernsthaftigkeit der Humor keineswegs zu kurz kommt.

BuchtitelMeine Mutter, sein Exmann und ich
AutorT.A. Wegberg
GenreComing of Age
Lesealter14+
Umfang253
Verlag978-3-499217593
ISBNRowohlt rotfuchs
Preis12,99
Erscheinungsjahr2017

Auch wenn seine Eltern sich bereits fünf Jahre zuvor getrennt haben, hat der 15-jährige Joschka zunächst große Schwierigkeiten, damit zurechtkommen, dass seine Mutter als Transgenderperson nach einer geschlechtsangleichenden Operation als Mann lebt. Während seine Zwillingsschwester Liska den Prozess interessiert begleitet, zieht Joschka zu seinem Vater, dessen neuer Frau und seinem kleinen Halbbruder Leon. Er hält seine Mutter konsequent von allen Freunden und Bekannten und der Schule fern und weigert sich, ihre neue Identität zu akzeptieren. Der Roman erzählt aus der Ich-Perspektive, wie Joschka sich schließlich doch an den Gedanken gewöhnt, zwei Väter zu haben. Während der erzählten Zeit (Sommerferien bis kurz nach Weihnachten) wird Joschka insgesamt deutlich erwachsener: Er verliebt sich in seine Mitschülerin Emma, mit der er schließlich auch eine Beziehung beginnt, freundet sich mit Sebastian, einem neuen Klassenkameraden, an und hilft diesem, mit der Narkolepsie, unter der dieser leidet, besser zurecht zu kommen. Am Ende lädt er Frederik, seinen „neuen“ Vater zu einer Podiumsdiskussion im Rahmen eines Schulprojektes ein und steht so auch öffentlich zu seiner neuen Familienkonstellation.

Eine Leseprobe kann auf der Verlagsseite eingesehen werden.

T.A. Wegberg gelingt es, in seinem Roman das durchaus kontroverse Thema der Transgender-Identität fair, informativ und ohne jeglichen Voyeurismus aufzugreifen. Dies ist hauptsächlich auf die geschickt gewählte Erzählperspektive zurückzuführen: Der sympathische Protagonist Joschka ist ein ganz gewöhnlicher Fünfzehnjähriger. Er interessiert sich nicht besonders für die Schule, pflegt ein exzentrisches Hobby (er fährt in seiner Freizeit möglichst viele Linien des Berliner Nahverkehrsnetzes ab), schwärmt für seine Mitschülerin Emma, macht sich Gedanken um seinen Status in seiner Clique und hat regelmäßig Auseinandersetzungen mit der neuen Frau seines Vaters, z.B. wegen seiner Kleidung oder seiner Frisur. Er hat viele gute Seiten – so tritt er z.B. dem neuen Mitschüler Sebastian vorurteilslos gegenüber und hilft ihm, sich in der Klasse zu integrieren und er kümmert sich recht fürsorglich um seinen kleinen Halbbruder Leon. Allerdings hat er ebenso eine Reihe typischer Teenagerschwächen – es fällt ihm z.B. schwer, rechtzeitig aufzustehen und er vergisst relativ häufig Termine oder Aufgaben, die er übernommen hatte; in Situationen, in denen es um etwas geht, das ihm wichtig ist, ist er häufig sehr schüchtern.

Die Entscheidung seiner Mutter, als Mann zu leben, überfordert Joschka von Anfang an. In gedanklichen Rückblenden des Ich-Erzählers wird deutlich, dass er sich bereits während der Vorbereitungsphase auf die geschlechtsangleichende Operation nach Kräften bemüht, alle Veränderungen auszublenden und zu verhindern, dass sein übriges Umfeld etwas davon mitbekommt. Die Haupthandlung setzt mit der Operation ein – dieser endgültige Schritt veranlasst Joschka dazu, zu seinem Vater und dessen neuer Familie zu ziehen, wo er eigentlich nur übergangsweise während des Krankenhausaufenthaltes der Mutter bleiben sollte. Joschka muss allerdings feststellen, dass diese Maßnahme nicht geeignet ist, um einer Konfrontation mit der Veränderung aus dem Weg zu gehen. Nach und nach gelingt es ihm – auch durch den Kontakt zu einer gleichaltrigen Transgenderperson, Mathea, und durch ein Schulprojekt, in dem verschiedene Geschlechtsidentitäten theoretisch aufgearbeitet werden – die neue Familiensituation zu akzeptieren.

„Meine Mutter, sein Exmann und ich“ überzeugt gerade in Zusammenhang mit dem sehr ernsten Thema durch eine leichte Erzählweise: Die Transgender-Thematik wird zwar immer wieder aufgegriffen, daneben spielen aber genauso weniger ernsthafte Alltagsprobleme eine Rolle, etwa Joschkas Streit mit der neuen Frau seines Vaters um seine gefärbten Haare oder Joschkas zunächst ungeschickte Versuche, in engeren Kontakt zu seiner Mitschülerin Emma zu kommen, für die er schwärmt. Häufig entsteht Situationskomik, etwa wenn Joschka absurde Gespräche von Fahrgästen in den Bussen und S-Bahnen belauscht oder im Kontakt mit dem altklugen kleinen Halbbruder Leon. Die Nebenfiguren sind liebevoll und authentisch gezeichnet: Joschkas bester Freund Boris etwa imitiert im Aussehen den Rapper Kollegah und beteiligt sich an Gesprächen häufig mit Zitaten aus dessen Songs; die neue Frau des Vaters, Petra, tritt überzeugend zickig auf, indem sie einen teils durchaus ernst gemeinten Konkurrenzkampf zwischen alter und neuer Familie inszeniert, bei dem „Leon immer das größte Schnitzel bekommt, obwohl sie genau weiß, dass er es nicht einmal essen wird“.

In dieser Erzählung über das Erwachsenwerden stellt das Akzeptieren verschiedener Geschlechtsidentitäten nur einen von mehreren Aspekten dar, mit denen sich Joschka am Ende seiner Kindheit auseinandersetzen und die er neu bewerten muss. Gleichzeitig geht T.A. Wegberg sehr ehrlich mit der Thematik um, indem er überzeugend und mit viel Empathie zeigt, dass die Entscheidung für eine bestimmte Geschlechtsidentität – auch wenn es sich dabei um einer sehr intime und persönliche Entscheidung handelt – eben nicht nur Privatsache ist, sondern dass sie Auswirkungen auf das ganze persönliche Umfeld hat und andere unbeabsichtigsterweise in Gewissenskonflikte bringen kann. Joschkas anfängliche Vorbehalte werden ernst genommen und nicht diskreditiert, das an sich enge und liebevolle Verhältnis zur Mutter wird auch während der Beziehungskrise nicht in Frage gestellt: Frederik bleibt trotz allem die Person, die „als einzige weiß, wie man ein Ei-Brot so belegt, dass es wirklich schmeckt“.

Der Roman ist für die vorgesehene Altergruppe leicht zu lesen: In Kapiteln von gut überschaubarer Länge wird chronologisch erzählt, lediglich zwischen dem Prolog und dem ersten Kapitel liegt ein Zeitsprung von einigen Jahren, der aber durch die Überschrift und interne Verweise explizit benannt wird. Ausführliche Dialogpartien und eine eher schlichte Syntax sorgen zusätzlich dafür, dass sich das Erzählen insgesamt nah an der Alltagssprache bewegt.

„Meine Mutter, sein Exmann und ich“ eignet sich als Privatlektüre besonders für Leser, die sich mit Fragen möglicher Geschlechtsidentitäten auseinandersetzen und selbst einen Prozess der Identitätsfindung durchleben. Dadurch, dass aus einer Angehörigenperspektive erzählt wird, werden zum einen Jungen angesprochen, die im eigenen Umfeld ebenfalls mit einem – nicht notwendigerweise transgenderbezogenen – Coming Out konfrontiert sind. Zum anderen kann diese Perspektive aber auch Jungen ansprechen, die sich dem Thema erst einmal aus einem sicheren Abstand heraus nähern wollen, möglicherweise (aber nicht nur) weil sie sich direkt betroffen fühlen.

Der Roman empfiehlt sich ebenfalls als Bestandteil von Lesekisten oder Lektürelisten, die auf Projekte zum Thema sexueller Diversität ausgerichtet sind und kann aufgrund des hohen Informations- und Unterhaltungswertes auch gut seinen Platz in öffentlichen Bibliotheken, Schulbüchereien oder als Lektüre für Leseclubs finden.

Ein Einsatz als verbindliche Klassenlektüre kann sich dagegen in einem konservativeren Umfeld ggf. als problematisch erweisen: Der Roman hat zwar einen angemessenen literarischen Anspruch und enthält keine offen erotischen Szenen, dennoch berührt er sehr direkt mit der Frage nach der sexuellen Identität Fragen des intimsten Lebensbereiches, in denen Eltern ein Mitsprache- und Erziehungsrecht zusteht. Je nach Ausgestaltung der schulrechtlichen Vorgaben ist es deswegen in einigen Bundesländern für Eltern möglich, die Lektüre aus Gewissensgründen (z.B. unter Verweis auf die Religionsfreiheit) abzulehnen. In der Praxis ist es deswegen günstig, den Roman als Schullektüre immer nur als eine von mehreren Möglichkeiten anzubieten, z.B. im Rahmen von Buchpräsentationen oder in arbeitsteiligen Projektphasen.