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Buchcover Jeff Zentner: Zusammen sind wir Helden

Rezension von Ines Heiser

Ein heimlicher Singer-Songwriter, ein schüchterner Fantasy-Fanatiker und eine zickige Modebloggerin: Dill, Travis und Lydia sind an ihrer Kleinstadt-Highschool zwar Außenseiter, zusammen aber sind sie Helden. In ihrem letzten Schuljahr wachsen sie über sich hinaus, sie überwinden alte Ängste und neue Schwierigkeiten, aber sie werden auch mit dem vollkommen Unerwarteten konfrontiert und die Zukunft sieht schließlich ganz anders aus als geplant. Eine originelle und authentische Coming-of-Age-Story, die die Identitätssuche ihrer jugendlichen Protagonisten und ihrer Leser ernst nimmt.

BuchtitelZusammen sind wir Helden
AutorJeff Zentner
GenreComing of Age
Lesealter14+
Umfang365
VerlagCarlsen
ISBN978-3-551-55685-1
Preis17,99
Erscheinungsjahr2017

Dill, Travis und Lydia besuchen gemeinsam das letzte Schuljahr ihrer Kleinstadt-Highschool bei Nashville. Dill, der heimlich Songs komponiert und zur Gitarre singt, leidet darunter, dass sein Vater, ein radikalchristlicher Prediger, wegen des Besitzes von Kinderpornografie im Gefängnis sitzt. Seine Mutter gibt ihm die Schuld an der Verhaftung und verlangt von ihm ein zurückgenommenes, frommes Leben; die übrigen Gemeindemitglieder ignorieren die Restfamilie. Dills bester Freund Travis wird von einem gewalttätigen Vater schikaniert, der auch die Mutter der Familie misshandelt. Travis flüchtet sich in die Fantasy-Romanreihe Bloodfall: Er liest die Bände in jeder freien Minute, sie bestimmen sein gesamtes Denken. Lydia entstammt einer harmonischen gutsituierten Familie, kleidet und verhält sich unangepasst – sie betreibt einen Modeblog und will Forrestville so bald wie möglich verlassen, um in New York ein Glamourleben zu führen. 

Das letzte Schuljahr ändert für die drei alles: Mit Unterstützung seiner Freunde gelingt es Dill, für seine Träume einzutreten – er meldet sich gegen den Willen seiner Mutter für ein College-Studium an. Sein freundschaftliches Verhältnis zu Lydia wird zu einer Romanze. Nicht alles jedoch verläuft positiv: Travis gelingt es, den verehrten Autor der Bloodfall-Reihe persönlich zu treffen und gegen seinen Vater aufzubegehren; online lernt er Amelia kennen, die seine Interessen teilt. Bevor er sie allerdings treffen kann, wird er bei einem Raubüberfall getötet.

Eine Leseprobe kann auf der Verlagsseite eingesehen werden.

Auch wenn der deutsche Titel im Vergleich zum englischen Original (The Serpent King) zunächst eher beliebig und wenig konkret wirkt, trifft er den Kern von Jeff Zentners Debutroman sehr genau: Zentner erzählt authentisch und überzeugend davon, wie es drei Außenseitern gemeinsam gelingt, wichtige Herausforderungen und Entwicklungsaufgaben auf dem Weg zum Erwachsenwerden zu meistern. 
 
Dabei ist die Szenerie – der Bible-Belt im Süden der USA mit seiner Hochburg Nashville – für europäische Leser durchaus exotisch und zeigt Phänomene, deren Wirkung zwischen Absurdität und Faszination schwankt: Die Jugendlichen treffen sich etwa im keineswegs ironisch so bezeichneten Good News Coffee, in dem die Heißgetränke nach Aposteln benannt sind – man kann einen Matthäus Mokka oder einen Lukas Latte im Bibelbecher bestellen. Der Originaltitel des Romans bezieht sich auf die in Europa nicht verbreitete Praxis des snake handling, bei der Gläubige im Rahmen von religiösen Feierlichkeiten Giftschlangen anfassen oder Schlangengift trinken, um so ihren Glauben zu beweisen. Dills inhaftierter Vater ist ein überzeugter Vertreter dieser Praxis, er kritisiert Dill dafür, dass dessen Glauben nicht stark genug ist, sich diesem Risiko auzusetzen.  
 
Die Themen, die vor diesem sehr amerikanischen Hintergrund verhandelt werden, sind allerdings solche, die in der einen oder anderen Form alle Jugendlichen betreffen. Zentner erzählt von der Auseinandersetzung mit den Erwartungen anderer, besonders denen der Erwachsenengeneration, von der Schwierigkeit, sich selbst zu erkennen und dann zu dieser eigenen Identität zu stehen und von der Suche nach verwandten Seelen, nach Freunden, die Einstellungen und Weltsicht teilen. Die verbindende Identitätsproblematik ist hier bei den drei Protagonisten jeweils unterschiedlich akzentuiert: Fantasy-Nerd Travis weiß sehr genau, wer er ist und wo seine Interessen liegen. Er hat auch keinerlei Schwierigkeiten damit, sein eigenwilliges Hobby nach außen zu tragen – so besteht er etwa darauf, bei Ausflügen in die Stadt seinen geschnitzen Kampf- und Zauberstab mitnehmen zu dürfen, obwohl ihm bewusst ist, dass er damit auffällt und dass selbst seine Freunde Lydia und Dill dieses Accessoire peinlich finden. Es fällt ihm aber zunächst schwer, sich gegen seinen brutalen Vater zu behaupten, auch wenn er erkennt, dass dessen Verhalten falsch ist, und er sehnt sich nach Gleichgesinnten, die sein Hobby nicht nur etwas herablassend akzeptieren, wie Dill und Lydia es tun, sondern die seine Begeisterung für Bloodfall tatsächlich nachvollziehen und miterleben. Eine solche Gemeinschaft findet er im Internet – die enger werdende Beziehung zu Amelia gibt ihm schließlich den nötigen Rückhalt, um seine ritterlichen Ideale auch in der Realität zu leben.

Dill dagegen scheitert zu Beginn daran, zwischen verschiedenen Anspruchshaltungen, die an ihn herangetragen werden, herauszufinden, was seine eigenen Wünsche und Ziele für die Zukunft überhaupt sind: Seine Eltern erwarten von ihm, dass er die Familientradition weiterträgt und sich in der radikal-evangelikalen Gemeinde engagiert. Er soll durch harte, unqualifizierte Arbeit die finanziellen Schulden des Vaters abbezahlen und darüber hinaus die moralische Verantwortung für die Straftat des Vaters auf sich nehmen, um diesen zu entlasten. Lydia dagegen verlangt, dass er die Zwänge seines Umfelds aufgibt und individuelle Selbstverwirklichung als Sänger bzw. durch ein Universitätsstudium anstrebt. Erst nach längerem Zögern erkennt Dill, was für ihn persönlich das Richtige ist und es gelingt ihm schließlich, wenn auch unter Mühen, die Schuldgefühle zurückzuweisen, die ihm von seinen Eltern aufgedrängt werden.

Lydia selbst wächst in einer liebevollen, unterstützenden Umgebung auf und ist auf ihrem Spezialgebiet als Bloggerin erfolgreich – gerade deswegen verliert sie sich aber in einer Traumwelt, bei der sie schließlich spätestens nach Travis` Tod reflektieren muss, ob die von ihr lange Zeit verfolgten Ziele wirklich noch ihren wahren Wünschen entsprechen. ´Zusammen sind wir Helden` ist insofern ein typischer Coming of Age-Roman: Die Protagonisten machen eine erfolgreiche Entwicklung durch und stehen der Welt am Ende mit einer neu gefestigten individuellen Identität gegenüber.
 
Zentner erzählt humorvoll, durchweg aber mit dem notwendigen Ernst. Seine Protagonisten bleiben trotz aller Eigenheiten immer sympathisch, authentisch und bieten sich als Identifikationsfiguren jür jugendliche Leser an. Zur Glaubwürdigkeit der Geschichte trägt insbesondere bei, dass nicht alle Konflikte harmonisch aufgelöst werden: So akzeptiert etwa Dills Vater dessen Entscheidung für das Universitätsstudium bis zuletzt nicht, auch die Mutter bleibt weitgehend unversöhnlich.

Der Roman ist in kurze Kapitel gegliedert, die insgesamt chronologisch wechselnd aus der Perspektive der drei Protagonisten erzählt werden, was typisch für den Coming-of-Age-Roman der Gegenwart ist. Gedanken sind dabei an wenigen Stellen kursiv als direkte Rede eingefügt, es sind einzelne kurze Rückblenden enthalten, die vergangene Erfahrungen der Protagonisten aufgreifen und die sich jeweils leicht in den Verlauf einordnen lassen. Durch den Wechsel zwischen den drei Erzählperspektiven entstehen teils kleinere Zeitsprünge bzw. Auslassungen, in denen bestimmte Handlungsschritte nicht im Detail explizit ausgeführt werden. Die Herausforderung, diese Lücken zu füllen, ist aber überschaubar, da die einzelnen Erzählstränge eng und logisch gut nachvollziehbar aufeinander bezogen sind. Insgesamt überzeugt der Roman also nicht nur durch sympathische und ehrliche Helden, sondern auch durch hohe formale Zugänglichkeit.

Als Privatlektüre eignet sich „Zusammen sind wir Helden“ für Jugendliche, die sich im Rahmen ihrer Pubertät selbst in einer Identitätsfindungsphase befinden, besonders ansprechend ist der Roman sicherlich für Amerika-Fans und für Leser, die sich für andere Kulturen interessieren. 
„Wir sind Helden“ bietet sich ebenfalls als Bestandteil von Lesekisten oder Lektürelisten an, die einen Schwerpunkt mit Identitätsthematik haben; in diesem Zusammenhang passt der Roman auch gut ins Angebot öffentlicher Bibliotheken oder in Schulbüchereien.
Gegen eine Verwendung als Klassenlektüre spricht aktuell noch der hohe Preis der Hardcover-Ausgabe. Abgesehen davon ist der Roman für die Arbeit im Unterricht gut geeignet: Er verhandelt seine Themen auf einem angemessenen literarischen Niveau, die Frage der Identitätsfindung ist ein klassisches Thema des Literaturunterrichts in der zweiten Hälfte bzw. am Ende der Sekundarstufe I. Ein besonderer Vorteil für einen gendergerechten Unterricht besteht hier darin, dass Zentner von einer gemischtgeschlechtlichen Protagonisten-Clique erzählt, so dass für koedukative Lerngruppen ein breit gefächertes Identifikationspotenzial zur Verfügung steht. Denkbar wäre hier zudem fächerübergreifendes bzw. fächerverbindendes Lernen gemeinsam mit dem Fach Englisch im Bereich Landeskunde.