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Buchcover Jochen Till: Pogo & Polente

Rezension von Christina Gürth

Pogos Eltern wollen, dass ihr Sohn mal ein richtiger Punk wird, daher soll er sich möglichst schlecht benehmen und gesellschaftliche Regeln ausdrücklich ignorieren. Als Vanessa, ein als Polizistin verkleidetes Mädchen, nebenan einzieht und für jedes kleine Vergehen in der Nachbarschaft Strafzettel verteilt, wird es turbulent. Wie der Punker-Sohn Pogo und die Polizistentochter Polente sich trotz aller Verschiedenheiten anfreunden, während sie gemeinsam auf Verbrecherjagd gehen, erzählt diese überaus witzig geschriebene und pointiert illustrierte Geschichte über Freundschaft und Toleranz.

BuchtitelPogo & Polente
AutorJochen Till (mit Illustrationen von Raimond Frey)
GenreKrimi & Thrill
Gesellschaftskritik
Lesealter8+
Umfang138
VerlagTulipan
ISBN978-3864293795
Preis13
Erscheinungsjahr2018

Pogo ist das Kind einer Punker-Familie und bringt seinen Vater fast an den Rand eines Nervenzusammenbruchs, weil er zu Ferienbeginn wieder ein Einser-Zeugnis mit nach Hause bringt. Zur Strafe darf er nichts mehr lernen und muss extra laut Musik hören. Dafür verpasst ihm seine neue Nachbarin Vanessa, ein als Polizistin verkleidetes Mädchen, prompt einen Strafzettel wegen Lärmbelästigung. Vanessa, die von Pogo folgend nur noch „Polente“ genannt wird, achtet penibel darauf, dass sich die Menschen in ihrer Umgebung an alle gesetzlichen Vorschriften halten. Erkennt sie einen Regelverstoß, verteilt sie sofort einen selbstgemalten Strafzettel. Davon kassiert Pogo einige, denn von seinen Eltern wird er permanent dazu aufgefordert, möglichst alle gesellschaftlichen Regeln zu brechen; denn das erwarten sie von einem waschechten Punk-Sohn. Pogo hält vor seinen Eltern daher auch geheim, dass er einen Ferienjob als Prospektausträger angenommen hat, um sich etwas Geld für ein eigenes Handy zu verdienen. Als ihm sein klappriges altes Fahrrad geklaut wird, ist Polente sofort zur Stelle. Gemeinsam legen sich die beiden Kinder auf die Lauer, um den Fahrraddieb zu schnappen, der neuerdings in der Stadt sein Unwesen treibt.

Doch vor allem Pogos Vater sind die gemeinsamen Aktionen seines Sohnes mit Polente ein Dorn im Auge, denn für ihn sind Polizisten die „natürlichen Feinde“ eines jeden Punkers. Dass Polentes Vater tatsächlich ein Polizist ist, vereinfacht die Situation nicht. Polente bezichtigt zunächst Pogos Vater des Fahrraddiebstahls, weil dieser einige der verschwundenen Drahtesel in einem Kunstwerk aus Fahrradschrott verbaut hat. Bald stellt sich aber heraus, dass Pogos Vater die Fahrradteile als Müll aus einem Waldsee gefischt hat, in welchem der echte Dieb die geklauten Fahrräder zuvor entsorgt hat. Die Kinder kommen dem wahren Täter auf die Spur, der sich letztlich als gutmütiger Muskelprotz erweist und die Fahrräder nur gestohlen hat, um seine Kräfte zu trainieren. Der Dieb wird überführt, bereut seine Tat und entschädigt alle Opfer, so auch Pogo, mit einem neuen Fahrrad. Aus dem Fahrradschrott des Muskelmanns baut Pogos Vater ein Kunstwerk, ein Mahnmal gegen die Wegwerfgesellschaft, das er auf dem städtischen Marktplatz ausstellen darf.

Eine Leseprobe kann auf der Verlagsseite eingesehen werden.

„Wie bitte, was? […] Freunde? Ein Punker und eine Polizistin?“ Der 12-jährige Pogo Patzke kann es nicht glauben, dass der neue Nachbar, der Polizist Herr Martens, ihn bittet, sich mit seiner Tochter Vanessa anzufreunden. Pogo und Vanessa könnten unterschiedlicher nicht sein – so scheint es zunächst. Doch mit viel Witz erzählt der Ich-Erzähler Pogo, wie sich zwischen den beiden Kindern über alle Verschiedenheiten hinweg eine Freundschaft entwickelt, die das zentrale Element der überaus lustig geschriebenen Geschichte von Jochen Till bildet.
Pogo ist das Kind einer Punker-Familie und seine Eltern, Spritti und Kröte, achten penibel darauf, dass er sein Punker-Dasein ernst nimmt. Aufräumen, fleißig sein, lernen – das alles soll Pogo nicht tun, stattdessen erwarten die Eltern von ihrem Sohn, dass er in der Schule möglichst frech ist, beim Essen laut rülpst und und gesellschaftliche Regeln ausdrücklich ignoriert. „Du gehst gern in die Schule?“, fragt ihn sein Vater entsetzt. „Du bist mein Sohn! Du kannst nicht gern in die Schule gehen!“ Daher gerät der Einser-Schüler Pogo immer wieder in Konfliktsituationen mit seinen Eltern, weil er die wichtigste Punker-Regel – Normübertretungen zur Regel zu machen – nicht einhält. Viele komische Momente im Text entstehen gerade dadurch, dass Vater Patzke die Einhaltung der obersten Punker-Regel mit allen Mitteln durchzusetzen versucht. Pogo begehrt auf gegen seinen Vater, er versucht sich abzugrenzen und droht gar damit, später ein Spießer werden zu wollen. Aber eigentlich meint er es gut mit seinen Eltern. Er will einfach nur ein „normaleres“ Leben führen, sich auch in der Schule nicht immer als Außenseiter fühlen und später einmal Wissenschaftler werden. Das Nachbarsmädchen Vanessa, die von Pogo nur ‚Polente‘ genannt wird, weil sie sich stets als Polizistin verkleidet und selbstgemalte Strafzettel verteilt, scheint all das zu verkörpern, wogegen Pogos Vater ankämpft. Die beiden Kinder lassen sich jedoch nur äußerlich den Gruppen der Punks und Polizisten zuordnen, innerlich verfolgen sie jeweils individuelle Ziele. So schlägt der Protagonist Pogo Dosenbier Patzke so richtig aus der Punker-Art, weil er eher bürgerlich orientiert ist. Und auch „Polente“ Vanessa ist nicht einfach nur spießig, sondern ihre permanente Polizeiverkleidung hat einen ernsten Hintergrund und wird durch eine Art psychische Störung erklärt, die Vanessa im Zusammenhang mit dem Unfalltod ihrer Mutter entwickelt hat.
 
Der jugendliche Protagonist Pogo zeigt sich durchgängig als sehr sympathische Figur, die viel Identifikationspotenzial bietet. Gegenüber Vanessa erweist er sich beispielsweise als sehr mitfühlend, nachdem er den Grund für ihre übertriebene Gesetzestreue erfahren hat. Beide lernen sich besser kennen, als sie gemeinsam auf Verbrecherjagd gehen, wobei die Jagd nach dem Fahrraddieb – eine in den Text eingeflochtene Krimihandlung – für viel Spannung sorgt. Auch gegenüber dem überführten Dieb zeigt sich Pogo empathisch, nachdem die Beweggründe für dessen kriminelle Taten aufgedeckt sind und der Täter diese aufrichtig bereut.
Der Text stellt gesellschaftliche Klischees und Vorurteile aus und spielt mit diesen. Gerade der Kontrast zwischen Punk und Polizei sorgt für viel Witz, wobei alle bekannten Punker-Klischees vollkommen überspitzt, dafür aber umso unterhaltsamer dargestellt werden. Wer beispielsweise am Frühstücks-Dosenbier als besonderem „Punker-Charakteristikum“ auch als erwachsener Literaturvermittler keinen Anstoß nimmt, findet in „Pogo & Polente“ ein sehr empfehlenswertes Buch, das unterschiedliche Lebensentwürfe ausstellt. Diese sind zwar durch Vorurteile geprägt, werden aber nicht explizit kritisiert, sondern witzig übertrieben vorgeführt, so dass eher indirekt für Toleranz geworben wird. Am Ende des Textes erwarten den Leser Friede, Freude und – Dosenbier; die Konflikte scheinen gelöst und es ist gerade Papa Patzke, der sich zunehmend vorurteilsfreier zeigt und toleranter gegenüber seinem Polizisten-Nachbarn geworden ist.
 
Die Geschichte wird durch den Ich-Erzähler Pogo durchgehend chronologisch erzählt, daher sind die Lesenden stets über die Gedanken und Gefühle Pogos informiert und gerade männlichen Lesern wird ein hohes Identifikationspotenzial angeboten. Die Satzkonstruktionen sind - trotz des sprachlichen Witzes - durchgängig recht einfach gehalten und scheinen daher auch für ungeübtere Leser geeignet. Auf der inhaltlichen Ebene ist das Buch jedoch eher am oberen Altersklassenrand anzusiedeln, im besten Fall steht für die Erklärung unbekannter Begriffe eine erwachsene Ansprechperson zur Verfügung. In relativ großer Schrift ist das 138 Seiten umfassende Buch in insgesamt 10 Kapitel (Paragraphen) gegliedert, dabei lockern zahlreiche Abbildungen den Text zusätzlich auf und unterstützen das Textverstehen. Die pointierten Schwarz-Weiss-Illustrationen von Raimund Frey sind besonders positiv hervorzuheben und werden jungen und auch älteren Betrachtern sicher viel Spaß bereiten.  
Das Buch-Cover ist sehr ansprechend gestaltet, es zeigt die beiden Hauptfiguren Pogo und Polente und setzt ausdrücklich den Gegensatz zwischen Punk und Polizei in Szene. In die jeweiligen Schriftzüge der Namen sind bereits das Anarcho-Zeichen und der Polizeistern sinnträchtig eingearbeitet.
Wahrscheinlich werden einige der spezifischen Hinweise auf die Punk-Welt (z.B. Anarcho-Zeichen und Sicherheitsnadel auf dem Vorsatzblatt, besondere Bandnamen etc.) von den jüngeren Lesern noch nicht verstanden, sondern sind eher ein zusätzliches „Schmankerl“ für potenzielle erwachsene Mitleser und Vorleser. Die Komik des Textes geht aber nicht verloren, wenn nicht alle Anspielungen verstanden werden. Für jüngere Kinder ist schon allein die verkehrte Welt in Pogos Familie, die sich in zahlreichen Normübertretungen äußert, sicherlich sehr erheiternd.
Insgesamt ist „Pogo & Polente“ ein Buch, das überaus unterhaltsam verschiedene Lebenskonzepte ausstellt und dies mit einer spannenden Krimihandlung verbindet. Es ist eine kurzweilige und besonders lustige Geschichte über Freundschaft, gesellschaftliche Vorurteile und Toleranz, die ganz ohne moralischen Zeigefinger auskommt und junge Leser wie erwachsene Mitleser gleichermaßen begeistern wird.

Das Buch eignet sich für die private Lektüre und Formen des offenen Unterrichts. Als Bestandteil einer Bücherkiste kann es gut im Rahmen von Vielleseverfahren eingesetzt werden, da es sehr lustig ist und durch die eingeflochtene Krimihandlung auch spannende Elemente zu bieten hat. Der Textumfang von 138 Seiten, der zusätzlich durch anregende Illustration aufgelockert wird, kann auch von Kindern bewältigt werden, die sich an wirklich ‚dicke‘ Bücher noch nicht heranwagen.
Auch im Zusammenhang mit Verfahren der Leseanimation ist „Pogo & Polente“ zu empfehlen, der Text eignet sich sehr gut zum Vorlesen, auch in größeren Gruppen, da er Jungen und Mädchen gleichermaßen anspricht. Falls nicht das ganze Buch vorgelesen werden soll, bietet es sich auch an, Auszüge - z.B. den Textanfang - vorzulesen, um so zum eigenständigen Weiterlesen zu animieren.
Inhaltlich bieten sich im Zusammenhang mit „Pogo & Polente“ Diskussionen über die Themen Freundschaft, gesellschaftliche Vorurteile und Toleranz gegenüber unterschiedlichen Lebensentwürfen an. Im Zusammenhang mit Pogos Vater lässt sich auch das Thema Nachhaltigkeit aufgreifen. Im Text wird immer wieder darauf hingewiesen, dass Papa Patzke durch seinen besonderen Lebensstil und sein künstlerisches Werk ein Zeichen gegen die konsumorientierte Wegwerfgesellschaft setzen will.
Ein guter Gesprächseinstieg lässt sich über die Illustrationen, insbesondere das Buchcover und die Abbildungen und Symbole auf dem Vorsatzpapier initiieren (z.B. Anarcho-Zeichen u. Polizeistern). Äußerliche Kennzeichen (z.B. Mode, Haare, Symbole etc.), die zur Darstellung von Gruppenzugehörigkeit genutzt werden, spielen vor allem bei älteren Kindern und Jugendlichen eine Rolle, so dass eine Besprechung dieses Themas auch z.B. für die Klassenstufen 5 und 6 interessant sein könnte. So ist der Text sehr gut geeignet, um eine Reflexion darüber anzustoßen, in welchem Zusammenhang äußere Kennzeichen und spezifische innere Einstellungen oder auch politische oder z.B. religiöse Gesinnungen stehen (können).