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Buchcover Tobias Steinfeld: Scheiße bauen: sehr gut

Rezension von Matthias Jakubanis

Der Gymnasiast Paul gerät unverhofft durch eine Verwechslung an eine Förderschule und erlebt dort nicht nur einige Abenteuer oder übersteht einen selbstverschuldeten Anschlag, sondern schließt völlig neue Freundschaften. Ein spannend geschriebener, temporeicher Roman voller Wortwitz und Humor, der einen schnell vor die Frage stellt: „Was ist eigentlich schon „normal!?“ 

BuchtitelScheiße bauen: sehr gut
AutorTobias Steinfeld
GenreHumor & Comedy
Lesealter12+
Umfang269
VerlagThienemann
ISBN978-3522202473
Preis12
Erscheinungsjahr2018

Wer kennt es als Schüler nicht? Ein Abgabetermin wird versäumt und als Strafe muss man eine unattraktive Ersatzaufgabe erledigen. So ergeht es auch Paul, dem die Aufgabe übertragen wird, , den Hausmeister an einer Förderschule zu unterstützen. Der Achtklässler wird jedoch noch vor Dienstantritt mit dem angehenden Förderschüler Per verwechselt und lernt die Schule nun aus nächster Nähe kennen. Nachdem Paul alias Per inkognito in seine neue Lerngruppe aufgenommen wird und schnell einen „Draht“ zu seinen Lehrern/innen und Mitschülern/innen entwickelt, erreicht ihn unverhofft ein anonymer Brief, in dem deutlich wird, dass seine verdeckte Identität aufgeflogen ist. Der Urheber des Briefes ist der türkischstämmige Mitschüler Fatih, der diese Gelegenheit nicht ausnutzt, sondern zu dem Per eine freundschaftliche, wenngleich nicht durchweg harmonische Beziehung aufbauen kann. 

Beide durchleben mehrere Abenteuer. So beschließen Fatih und Per eines Tages, einen Autobahnsteinwurf auf ihre Lehrerin zu verüben. Schockiert von seinem eigenen Handeln und unschlüssig, ob die Lehrerin nach der Tat tatsächlich verunglückt sei, erfahren beide schließlich nach mehreren Tagen der quälenden Ungewissheit, dass ihrer Lehrerin doch nichts zugestoßen ist. Während Paul seinen Alltag an der Förderschule und das Anderssein zunehmend reflektiert, geraten beiden Jungen in einen Konflikt um ein Mädchen, in das Fatih sich verguckt zu haben scheint. Fatih, der nach eigenem Bekunden die Förderschule nur besuchen muss, weil er an der Hauptschule Unsinn gemacht habe, fühlt sich von Paul herabgesetzt. Ungeschickt und unreflektiert betont dieser nämlich gegenüber dem Mädchen, dass er eigentlich am Gymnasium sei und nicht an die Förderschule gehöre.  
Unvermeidlich wird Paul als Per schließlich vom Hausmeister der Förderschule entlarvt; während er an sein Gymnasium zurückkehren muss, bleibt jedoch die Freundschaft zu Fatih aus der Distanz bestehen.

Eine Leseprobe kann auf der Verlagsseite eingesehen werden.

Steinfeld gelingt ein von der ersten Seite an spannender Jugendroman, der in unbekümmerter und humorvoller Weise das vermeintliche Anderssein beleuchtet. In gerade für ungeübtere Leser/innen 26 kürzeren Kapiteln, die aus der Sicht von Paul alias Per jeweils einen Tag beschreiben, wird das Innenleben einer Förderschule sarkastisch betrachtet, um zu hinterfragen, was eigentlich Normalität bedeute. 
 
Hierbei gelingt es dem Autor insbesondere durch die fein gezeichnete Figur von Fatih, ein differenzierte Bild eines Jugendlichen zu entwickeln, der trotz vieler „Benachteiligungen“ seinen eigenen Lebensweg bestreitet. Dabei bieten sowohl Paul als auch Fatih eine Projektionsfläche für jugendliche Leser, indem sie alterstypische Probleme mit der Familie, Freunden und der Schule zu bewältigen versuchen. Anstatt auf eine belehrende Form von Inklusion zu setzen, werden die Herausforderungen des Zusammenlebens von Menschen mit und ohne Behinderung schonungslos offenbart und in Episoden eingebettet. Dass Steinfeld auch hierbei nicht vor einem gesellschaftspolitisch kontroversen Thema, wie dem Steinwurf an der Autobahn, zurückschreckt und das darauffolgende Changieren zwischen Hoffen und Bangen literarisch abwechslungsreich zu schildern versteht, beweist die hohe Qualität des Romans und kontrastiert dessen eher reißerischen Titel. 
 
Der Reiz des Buches besteht schließlich in seiner überzeugenden Sprachwahl: Soziolekte und Dialoge wirken erfrischend authentisch, teils schonungslos drastisch. Die jugendlichen Protagonisten werden hierbei zu wahren „Stürmern und Drängern“, die ihre eigene Individualität entdecken und ausleben, Grenzen und Selbstverständlichkeiten hinterfragen, Fehler und deren Folgen erleiden und doch gereift zueinanderfinden. Der Roman überzeugt insgesamt durch eine abwechslungsreiche Geschichte mit viel Humor und eine unkonventionellen Sichtweise auf das Anderssein.

„Scheiße bauen: sehr gut“ eignet sich hervorragend für eher leseabstinente Jungen, da sich Leseerfolge durch ein hohes Erzähltempo bereits schnell einstellen. Für den unterrichtlichen Zusammenhang können insbesondere auch auf soziologischer Ebene das Anderssein/Normalsein und Fremdwahrnehmungen thematisiert werden. Hierzu bieten sich sowohl pragmatische Textsorten als auch individuelle Darstellungen der Schüler/innen an.
Wenngleich sprachlich durchaus anspruchsvoller, eignen sich als thematisch verwandte Titel:
Andreas Steinhöfel: „Anders“
Wolfgang Herrndorf: „Tschick“