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Buchcover Nic Stone: Dear Martin

Rezension von Alexei Medvedev

Du lebst mit deiner Familie in deiner Stadt, gehst zur Schule, schmiedest Pläne für die Zukunft. Und plötzlich wirst du, ohne etwas getan zu haben, verhaftet, weil deine Hautfarbe dem Polizisten nicht gefällt. Auf einmal wird es dir klar, dass in deinem Land einiges schiefgeht…

BuchtitelDear Martin
AutorNic Stone (übersetzt von Karsten Singelman)
GenreComing of Age
Gegenwart & Zeitgeschichte
Lesealter14+
Umfang256
Edition1. Auflage
Verlagrowohlt rotfuchs
ISBN978-3-499-21833-0
Preis17,99
Erscheinungsjahr2018

Justyce gehört zu den Besten an seiner High School, hat das hübscheste Mädchen der Schule zur Freundin und schon jetzt einen Studienplatz in Yale sicher. Und das, obwohl er aus einfachen Verhältnissen kommt und nur von seiner Mutter großgezogen wird. Das Leben scheint geregelt und unproblematisch zu sein, bis er eines Tages beim Versuch, einer betrunkenen Freundin ins Auto zu helfen, von der Polizei brutal festgenommen und in Handschellen aufs Revier gebracht wird. Der Grund: Justyce ist schwarz. Auch an seiner Schule und im Freundeskreis ist das Thema Rassismus doch akuter, als es auf den ersten Blick scheint. Das bisher so entspannte Leben von Justyce gerät plötzlich aus den Fugen. Und es wird noch komplizierter, als er sich in seine weiße Mitschülerin verliebt. Denn Justyce weiß ganz genau, seine Mutter würde diese Wahl nie gut heißen, insbesondere nachdem im Lande mehrere schwarze Jugendliche von weißen Polizisten erschossen worden waren. Auch Justyce gerät in das Visier der Polizei und entgeht mit viel Glück dem Tod, während sein bester Freund dabei ums Leben kommt. Der Protagonist erlebt eine schwere Identitätskrise, in der er sich fast verliert: Wer ist er?

Ein Schwarzer, der seine Wurzeln verleugnet und möglichst weiß werden soll, um „dazuzugehören“? Ein Quotenschwarzer, der nur aufgrund seiner Hautfarbe und nicht seines Talents aufs College schafft? Oder ein Junge aus der Unterschicht, der zu seiner Herkunft steht und bereit ist, sich zu radikalisieren?

Eine Leseprobe kann hier eingesehen werden.

Die Romanhandlung spielt in den heutigen USA. Der zentrale Konflikt des Romans zeichnet sich gleich auf den ersten Seiten ab: Der Protagonist wird beim Versuch, einer betrunkenen Freundin ins Auto zu helfen, von der Polizei brutal festgenommen und in Handschellen aufs Revier gebracht. Der Grund ist banal und unfassbar zugleich: Justyce ist schwarz. Dieses Ereignis stellt sein bisheriges unbekümmertes Leben auf einmal in Frage. In seinem Tagebuch, das er an Martin Luther King, sein großes Vorbild, adressiert, schreibt der Schüler: „Die letzte Nacht hat mich verändert. (…)  Ja, es gibt keine extra Trinkbrunnen für Farbige mehr, und theoretisch ist es illegal, jemanden zu diskriminieren, aber wenn man mich zwingen kann, in zu engen Handschellen auf dem Asphalt zu sitzen, obwohl ich nichts Böses getan habe, dann gibt es eindeutig ein Problem“.

Vom Typ her ist Justyce ein Überflieger: Die Schule fällt ihm nicht schwer, er bereitet sich auf sein Studium am College vor.  Sozial ist Justyce keinesfalls ein Außenseiter. Sein Freundeskreis besteht aus weißen und schwarzen Jungen und Mädchen. Doch nach dem einschneidenden Vorfall fängt er an, seine Freunde und ihr Verhalten kritisch zu hinterfragen. Und je intensiver er hinterfragt, desto klarer wird es: Seine weißen Freunde sind durch und durch rassistisch, die ihre Sprüche als Spaß kaschieren und damit verharmlosen. Sein bester schwarzer Freund Manny ist einfach angepasst und versucht so weiß wie möglich zu sein.     

Parallel dazu entwickelt sich eine zweite wichtige Konfliktlinie des Romans. Justyce verliebt sich in Sarah-Jane, ein jüdisches Mädchen, mit der er sich in der Schule auf den Debattierwettbewerb vorbereitet. Sie ist die einzige, die ihn vorbehaltlos bei seiner kritischen (Selbst-)Suche unterstützt. Doch diese Liebe bringt weitere Probleme mit sich. Justyce ist sich bewusst, dass seine Mutter eine weiße Freundin nie akzeptieren würde. In diesem Spannungsfeld versucht Justyce für sich einen Weg zu finden.  

Die Erzählperspektiven wechseln sich immer wieder ab: ein eher traditionelles Narrativ in der Er-Form, Justyce‘ sehr persönliche Gedanken in der Tagebuchform, sachliche Protokolle des Debattierklubs sowie Auszüge aus Medienberichten. Diese Mehrstimmigkeit, die nicht unbedingt an die Figur des Protagonisten gekoppelt ist, macht aus einem konventionellen Coming of Age-Roman einen gesellschaftskritischen Text, der das in der US-amerikanischen Gesellschaft noch bestehende Phänomen des Rassismus anprangert. Das Ganze wird objektiviert durch Berichte von anderen Vorfällen in den USA, bei denen schwarze Jugendliche bei Auseinandersetzungen mit der Polizei ums Leben kommen.  

Das Cover ist schlicht gestaltet, was es wiederum zum Hingucker macht. Die Schrift ist leserfreundlich, genauso wie die Romanstruktur, die aus einzelnen, eher kurzen Kapiteln besteht. Dank der gelungenen Übersetzung lässt es sich erkennen, dass die Autorin Nic Stone zu einer klaren und syntaktisch transparenten Sprache greift. Dennoch setzt diese Sprache, genauer gesagt die Thematik, um die es geht, ein gewisses Vorwissen voraus. Deswegen kann man dieses Buch in erster Linie guten bzw. sehr guten Lesern (und Leserinnen) empfehlen.

Dank seiner gesellschaftskritischen Ausrichtung würde sich der Roman sehr gut als Klassenlektüre sowohl für den Deutschunterricht als auch für das Fach Politik/Gesellschaftskunde ab der 9. Klasse eignen. Der Roman setzt sich am Beispiel der USA mit den Themen Rassismus, Mobbing, Polizeigewalt sowie Multikulturalismus auseinander, die auch in der heutigen deutschen oder einer anderen europäischen Gesellschaft aktuell sind. Somit ist der Roman ein guter literarischer Beitrag zur politischen Bildung, der aber durch die hohe Spannung und die Liebesgeschichte auch eigentlich politisch eher desinteressierte Jugendliche anzusprechen vermag. Es bleibt zu hoffen, dass es demnächst in einer preisgünstigeren Paperback-Version erscheint.