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Buchcover Thilo Reffert: Linie 912

Rezension von Stefanie Boor

Halb acht Uhr morgens, Buslinie 912, 10 Geschichten in dreißig Minuten: Jeden Tag fährt Enno, der Busfahrer, seinen Linienbus am Stadtrand. Gerade ist er Weltmeister im Busfahren geworden. Leon hat heute Geburtstag und eine Schüssel Muffins für seine Schulklasse dabei. Doch eine Vollbremsung sorgt dafür, dass die Muffins durch den Bus purzeln und alles ganz anders kommt als sonst. Und so erleben Enno und seine Fahrgäste eine ganz besondere, wunderbare Busfahrt. Alle zur selben Zeit im selben Bus, aber jeder für sich aus einer ganz anderen Perspektive.

BuchtitelLinie 912
AutorThilo Reffert
GenreGegenwart & Zeitgeschichte
Lesealter8+
Umfang112
Edition1. Auflage
VerlagKlett Kinderbuch
ISBN978-3-95470-201-5
Preis13,00

Leon hat Geburtstag und fährt an diesem Morgen im Bus mit einer großen Schüssel selbstgebackener Muffins zur Schule. Glücklich ist Leon zunächst nicht. Enno, Busfahrer der Linie 912, nimmt noch weitere Fahrgäste mit. Manche kennt er vom Sehen, er fährt die Strecke seit langem, andere nicht. Und doch ist diese Fahrt um halb acht morgens besonders. Nach einer Vollbremsung purzeln nämlich nicht nur die Muffins durch den Bus, sondern auch die Gedanken. Denn alle im (und vor dem) Bus erleben die 30minütige Fahrt anders. Trotzdem hängen alle zehn Schicksale zusammen. Freundschaft, Trauer, Unsicherheit, süße Momente: Es gibt zehn verschiedene Perspektiven, die bei dieser Busfahrt miteinander verknüpft sind und alle glücklich werden lassen. Selbst, wenn man gar nicht eingestiegen ist…

Eine Leseprobe kann hier eingesehen werden.

Können 30 Minuten Busfahrt Leben verändern? Ja, wenn man mit der Linie 912 und Busfahrer Enno unterwegs ist! Der ist nicht nur Weltmeister im Busfahren, sondern hat im Stadtverkehr auch immer seine Fahrgäste im Blick. 

Da steigt Leon in den Bus, an seinem Geburtstag, eine Schüssel selbstgebackener Muffins unter dem Arm. Und obwohl er ein Fahrrad geschenkt bekommen hat, ist er doch nicht glücklich. Was soll er mit einem Rad, er fährt doch immer Bus!? Außerdem ist seine Mama auf Dienstreise und Papa hat Spätdienst. Also wird zumindest heute nicht gefeiert. Dann steigt auch noch Nuno ein, sein ehemals bester Freund aus der Grundschule. Seit diesem Schuljahr besuchen die beiden verschiedene Schulen, und mit der Freundschaft ist es nun vorbei. Aber auch Tami steigt unsicher hinzu. Sie kann heute nicht mit dem Rad wie sonst zur Schule fahren, der Hinterreifen ist platt. Dadurch war der Morgen so stressig, dass das Frühstück ausfiel und sie außerdem ihre Brotdose vergessen hat. Karo, Mama vom kleinen Uland und Baby Rubi, hofft während der Fahrt, dass heute der Gips vom Arm ihres Sohnes entfernt wird. Ansgar hängt nach einer Nachtschicht sowieso die ganze Zeit hundemüde im Bus. Er fühlt sich leer und ausgelaugt, mit Job, aber ohne Ahnung, was er nach seinem Schulabschluss im Leben eigentlich will. Ida nimmt die Linie 912 täglich, um zum Friedhof zu fahren und das Grab ihres Mannes zu besuchen. Doch heute hat sie verschlafen. Ob sie den Bus noch erwischt? Während Enno, frisch gekürter Weltmeister im Busfahren, noch rätselt, wer immer auf den Haltewunsch drückt, ohne auszusteigen, muss er spontan eine Vollbremsung machen. 

Niemand wird verletzt, aber da passiert das Wunderbare: Die Muffins fliegen umher, die Gedanken purzeln durcheinander und alle betrachten ihr eigenes Dasein nun aus einem anderen Blickwinkel. Die Leser haben dagegen das Glück, an der Busfahrt durch die Augen aller Figuren teilzunehmen. So gelingt es Thilo Reffert eindringlich, die zehn Perspektiven dieser Tour miteinander zu verweben. Die 30minütige Fahrt, bei der die Vollbremsung und ihre Auswirkungen das verbindende Element sind, wiederholt sich in kurzen, in sich abgeschlossenen Kapiteln, jeweils aus Sicht von Enno, Leon und allen anderen. Der Erzählfluss ist ruhig, und jedes Kapitel startet mit einer knappen Einführung der jeweiligen Figur. Das wiederkehrende Muster erleichtert die ansteigende Komplexität, macht schnell neugierig und lässt ahnen, dass hier ein großes Puzzle entsteht. 

Das Zauberhafte: die Leser tauchen in die grübelnde Gedankenwelt der Figuren regelrecht ab. Behutsam, mit einfachen, kurzen Worten und Sätzen eröffnen sich beim Lesen die kleinen und großen Sorgen der kleinen und großen Fahrgäste. Der Autor flicht aus allen Strängen einen Zopf, der verdeutlicht, wie sehr das Leben von kleinen Momenten beeinflusst werden kann. Nach und nach erschließen sich den Lesern die Zusammenhänge, ohne dass das Ganze zu kompliziert wird. Reffert beschreibt ganz alltägliche Situationen, süße Entdeckungen und persönliche Probleme. Ob kindliche oder erwachsene Leser – aus den zehn Episoden kann jeder etwas für sich gewinnen. Der besonders aufmerksame Leser wird vielleicht auch die symbolische Bedeutung der „912“ in jedem Kapitel entdecken.

Maja Bohn bietet mit dem farbigen Titelbild bereits eine kleine Vorahnung auf die Geschehnisse und macht so neugierig auf die Geschichte. Ein bis zwei schwarz-weiße Illustrationen pro Kapitel unterstützen den Text in angenehm zurückhaltender Art und Weise und lassen genug Platz für eigene Gedanken. Vor- und Nachsatzpapier zeigen zudem die Route des Busses mitsamt den Fahrgästen, so dass die Leser jederzeit noch einmal den Verlauf der Geschichte nachschauen können.

Am Ende entlockt Refferts Buch sicher bei allen (Vor-)Lesern ein empathisches „Ach so!“, das sich ideal eignet, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Auf jeden Fall bleibt nach dem Lesen ein Schmunzeln zurück sowie die sichere Erkenntnis, bei der nächsten Busfahrt auf Kleinigkeiten zu achten. Könnte ja sein, dass da ein Käsekuchen neben dem Fahrersitz steht oder eine Blume auf das Ticket gemalt ist…

Eine Busfahrt auf 112 Seiten und ein sehr kurzweiliges Lesevergnügen!

Das Buch ist ideal, um Kinder an etwas längere Texte zu gewöhnen, ohne abzuschrecken. Die Illustrationen lockern auf, lenken aber nicht ab. Die in sich abgeschlossenen Kapitel sind nicht allzu lang. Eine Pause zwischen den Lesezeiten ist kein Problem, durch das gleichbleibende Erzählmuster fällt der Wiedereinstieg leicht. Daher eignet sich der Titel zudem wunderbar zum Vorlesen, etwa als Klassenlektüre.

Linie 912 bietet gleichzeitig tolle Gesprächsanlässe zu den vielfältigen Figuren und ihren persönlichen Entwicklungen. Die Frage „Was wäre wenn…?“ lädt sofort ein, die Geschichte auch anders bzw. neu zu erfinden. In einer kleinen philosophischen Schreibwerkstatt (Hebammenfragetechnik) können sich die Kinder mit den Gedanken der Figuren oder auch eigenen Erfahrungen auseinandersetzen.