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Buchcover Kevin Brooks: Deathland Dogs

Rezension von Barbara Reidelshöfer

Die Welt nach der Apokalypse. Brutalität, Kriege und der Kampf ums Überleben bestimmen den Alltag der letzten Menschen. Ausgerechnet ein von wilden Hunden aufgezogener Jugendlicher, der zu den Stadtbewohnern zurückgekehrt nun von diesen als Außenseiter verachtet wird, erhält eine wichtige Mission. Schon nach kurzer Zeit ist klar, dass es hierbei um mehr als um Leben und Tod geht. Ein faszinierender Roman, dessen grausame und düstere Zukunftsvision den Leser sprachlos zurücklässt.

BuchtitelDeathland Dogs
AutorKevin Brooks
GenreFantasy
Lesealter14+
Umfang538
Edition1. Auflage
Verlagdtv
ISBN978-3423762366
Preis18,95

Der Roman spielt nach einer nicht näher bestimmten Apokalypse in den Deathlands, einer menschenverachtenden, öden Wüste, in der die letzten Menschen versuchen, in verschiedenen miteinander verfeindeten Clans zu überleben. Der Streit um die wenigen verbliebenen Ressourcen beherrscht das Leben aller, denn auch die wolfsähnlichen Rudel der Deathland Dogs, die die eigentlichen Herrscher über die Deathlands sind, kämpfen um ihre Existenz.

Jeet, die jugendliche Hauptfigur des Romans, hat nach einem tragischen Deathland-Dogs-Überfall zwar seine Familie verloren, aufgrund seines Alters ist er aber von den Angreifern in das Rudel aufgenommen worden und wächst als Hundekind auf.

Zur Zeit der Romanhandlung ist er bereits seit längerem wieder in die Krieger-Gemeinschaft der Stadtfestung resozialisiert worden. Allerdings lebt er dort als geächteter Außenseiter. Lediglich sein Ziehvater Starry hält zu ihm. Er hat ihm, dem „Wilden“, alles beigebracht – sogar schreiben, eine fast vergessene Kulturtechnik, die ebenso wie andere Errungenschaften der Zivilisation keine Rolle mehr spielt. Aber gerade diese Fähigkeit, seine Herkunft und besonderen Fähigkeiten führen dazu, dass ihn der Führer der Stadtfestung, Gun Sur, auserwählt. Jeet soll die Geschichte des Clans niederschreiben. Denn Gun Sur weiß, dass die letzte Schlacht bevorsteht. Dieser Auftrag führt Jeet immer mehr ins Zentrum der Macht. So wird er in den geheimen Angriffsplan gegen den eigentlich stärkeren Clan der Dau, in dem er aufgrund seiner noch vorhandenen tierischen Instinkte selbst eine wichtige Rolle spielen soll, eingeweiht.

Aber schnell wird Jeet und Starry bewusst, dass sie nicht alles wissen. Spätestens als Chola Se, ebenfalls ein rehumanisiertes Hundemädchen, von dem sich Jeet angezogen fühlt, angeblich von den Dau gekidnappt wird, begreifen sie, dass irgendetwas nicht so ist, wie es scheint. Aber wer lügt? Wer spielt ein falsches Spiel? Wem kann man noch vertrauen? Diese Fragen beherrschen fortan Jeets Denken und Handeln.

Mithilfe der befreiten Chola Se entlarvt er den Verräter.  Nun ist ihr Leben akut bedroht. Immer mehr werden die beiden ins Abseits geschoben. Nach Starrys mysteriösem Tod hält die beiden nichts mehr in der Stadt – für sie gibt es dort keine Zukunft mehr. Die Sehnsucht nach einer Rückkehr zu ihrem Hunderudel beherrscht sie immer mehr, aber zuerst wollen die beiden Rache an dem Verräter nehmen. Gleichzeitig rückt die letzte Schlacht und der Untergang der gesamten Stadtbevölkerung näher und näher. Kann es eine gemeinsame Zukunft und ein Überleben in den Deathland Dogs geben?

Eine Leseprobe kann auf der Verlagsseite eingesehen werden. 

Ein heulender Wolf und ein durch eine unbelebte, zerstörte Landschaft rennender Junge – so verdichtet das ansprechende Cover bereits Inhalt und Atmosphäre des Romans. Denn sowohl um wilde Tiere als auch um einen Jungen, der vormals selbst bei diesen wilden Tieren gelebt hat, geht es in dieser temporeichen Fantasy-Dystopie des bekannten Jugendbuchautors Kevin Brooks.

Der Roman besticht durch die innovative Interpretation eines beliebten Jugendbuch-Genres: Er greift klassische Themen einer Dystopie heraus, verstärkt aber v.a. durch die Figur Jeets das fantastische Element. Durch die Verknüpfung von Tier-Fantasy und actionreicher Dystopie werden verschiedene Leser adressiert, die sich auch von unterschiedlichen Aspekten des Romans angesprochen fühlen.

Das dystopische Setting ist klassisch: die Menschheit nach der Apokalypse. Der Überlebenskampf in einer völlig zerstörten und verwüsteten Welt, das Schwinden der letzten Ressourcen, das Tierische im Menschen und die damit verbundene Gewalt und Trostlosigkeit einer solchen Szenerie werden bereits vor dem Einsetzen der Handlung mit der Bezugnahme auf Hobbes dem kundigen Leser deutlich. Aber auch diejenigen jugendlichen Leser, die Hobbes allenfalls aus zu vernachlässigende Figur aus dem Unterricht abhaken und sich für philosophische Fragestellungen vordergründig nicht interessieren, werden von der Erzählweise so gebannt sein, dass sie den Roman nicht aus den Händen legen werden.

Denn gerade die Schilderung aus der Ich-Perspektive des Heranwachsenden Jeet ermöglicht das sofortige Eintauchen in die brutale Schreckensvision, ermöglicht aber wegen der innovativen Anlage der Figur als Hundekind auch einen distanzierten Blick auf die Rudimente einer Zivilisation, in der alle materiellen und immateriellen Kulturgüter im täglichen Kleinkrieg keine Rolle mehr spielen. Jeet als mutiger und intelligenter Sympathieträger, der die Instinkte der Hunde mit den kognitiven Möglichkeiten des Menschen verknüpfen kann, ist ein starker, kämpferischer Charakter. Er schreckt weder vor Brutalität und Gewalt zurück noch davor, seine tierischen Instinkte einzusetzen. Aber gerade die weiche, emotionale und sehnsuchtsvolle Seite, die in seinen Gefühlen gegenüber seinem Ziehvater Starry, dem Hundemädchen Chola Se und vor allem seiner Hundemutter deutlich werden, machen ihn zur komplexesten Figur des Romans, die für jugendliche Leser viel Identifikationsraum anbietet.

Der mitreißende, atemberaubende Plot fesselt von der ersten Seite, sodass Langeweile beim Lesen trotz der eher komplexen und vielschichtigen Geschichte, die aber linear erzählt wird, nicht aufkommt. Die Hauptfiguren stürzen nahezu von einem Abenteuer ins nächste, wobei nicht nur Handlungs-, sondern auch psychologische Spannung aufgebaut wird. Der Bedrohungslevel ist von Beginn der Geschichte extrem hoch und steigert sich im Lauf des Romans ins Unermessliche, sodass ein kaum zu stoppender Lesesog ausgelöst wird.

Ein besonderer Aspekt des Romans ist die sprachliche Darstellung: Kevin Brooks hat in seinem Roman versucht, die dystopische Zukunftsvision auch sprachlich umzusetzen. In einer Welt, in der der Mensch nur noch von Kampf und Krieg beherrscht wird, in der es ums nackte Überleben geht, ist für Werte, aber auch für Sprache wenig Raum: „Nur noch wenige Menschen können lesen und schreiben. Sie tun es in einer reduzierten Form, die im englischen Original mit einer stark vereinfachten Schreibung ausgedrückt wird“ wie es im Vorwort heißt. Der Übersetzer hat dies im Deutschen mit dem kompletten Verzicht auf die Kommasetzung umgesetzt – ein extremer Schritt, der aber in seiner Wirkung durchaus überzeugt. Denn trotz des erschwerten Leseflusses (der von Jugendlichen eventuell gar nicht so empfunden wird) entstehen durch die Zusammenrückungen sprachlich dichte Bilder und eine Sogwirkung, der man sich als Leser nur schwer entziehen kann. Und auch darüber hinaus ist Kevin Brooks ein sprachlich überaus gelungener Roman gelungen, der nicht nur durch seine Geschichte überzeugt. „Deathland Dogs“ – eine herausragende Dystopie, die Jugendliche fesselt, fasziniert und verstört.

Der Roman ist für Jugendliche mit Leseerfahrung grundsätzlich ab 14 Jahren geeignet. Aufgrund der extremen Schilderung von Brutalität und Gewalt sollte der Roman nicht unüberlegt empfohlen werden. Jugendliche, die im Genre der Fantastik bzw. Dystopie bewandert sind, werden diese jedoch einordnen können. 

Im Klassenverbund ist die Lektüre ab Jahrgangsstufe 9 prinzipiell denkbar, wobei sich „Deathland Dogs“ auch aufgrund der Länge eher für individuelle Lektüre oder aber für individualisierte Leseverfahren wie differenziertes Lesen z. B. zum Genre der Dystopie oder zum Thema Tier-Menschen eignet. Allerdings böte sich ein Lesen in Auszügen an, um wichtige Aspekte des Romans wie die Gestaltung des fantastischen Settings oder die sprachliche Umsetzung einer kulturlosen bzw. -vergessenen Gesellschaft herauszuarbeiten. Ebenfalls lohnenswert erscheint der Vergleich mit literarischen Vorbildern.

Auch die Frage, inwieweit Gewalt als (literarisches) Darstellungsmittel als Gewaltverherrlichung oder als künstlerische Ausdrucksmöglichkeit gilt, scheint ein lohnenswerter und aktueller Zugang für die unterrichtliche Auseinandersetzung mit Jugendlichen, die tagtäglich an medial vermittelten Gewaltexzessen, v.a. in Videospielen und Serien partizipieren. Das zentrale Thema Macht und Gewalt wird von weiteren Themenkomplexen wie Wahrheit und Lüge, Herkunft und Integration, aber auch Liebe und Verrat ergänzt, sodass sich ein breites Spektrum für die Auseinandersetzung im Deutschunterricht, aber genauso fächerübergreifend bietet.

Der Roman sollte in keiner aktuellen (Schul-)Bibliothek fehlen.