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Buchcover Jochen Voit: Nieder mit Hitler! Oder warum Karl kein Radfahrer sein wollte

Rezension von Alexei Medvedev

Erfurt, 1943. Karl und seine Schulfreunde wollen Hitler stürzen und verteilen Flugblätter gegen die Nazis. Die Gruppe wird verhaftet und entgeht knapp der Todesstrafe. 20 Jahre später. Karl ist Pfarrer und hat eine kleine Gemeinde in der DDR. Alles scheint vergessen zu sein, bis er ins Visier der Stasi gerät und vielleicht die schwerste Entscheidung seines Lebens treffen muss…      

BuchtitelNieder mit Hitler! Oder warum Karl kein Radfahrer sein wollte
AutorJochen Voit (mit Illustrationen von Hamed Eshrat)
GenreComic & Graphic Novel
Lesealter14+
Umfang152
Edition1. Auflage
Verlagavant-verlag
ISBN978-3-945034-98-9
Preis20,00

Bereits als Jugendlicher setzte Karl – ein großer Bewunderer des später tödlich verunglückten Radfahrers Erich Metze – sein Leben aufs Spiel:  Im Jahre 1943 in seiner Heimatstadt Erfurt überlegen Karl und seine Schulfreunde, wie sie Hitler stürzen können. Ihr Plan ist einfach und sehr riskant. Sie stellen Flugblätter mit der Überschrift „Nieder mit Hitler” her und verteilen sie überall in der Stadt. Die Gruppe wird von einem Mitschüler verraten und kurz darauf verhaftet. Auch Karl kommt ins Gefängnis und entgeht knapp der Todesstrafe. 1960 treffen wir Karl wieder, und zwar in Ost-Berlin. Noch während seiner Zeit im Gefängnis beschließt Karl, Pfarrer zu werden. Jetzt lebt er in der DDR und hat eine kleine Gemeinde. Alles scheint vergessen zu sein, bis er ins Visier der Stasi gerät. Ihm wird angeboten, ein sogenannter inoffizieller Mitarbeiter (IM) zu werden. Mit anderen Worten: Die Geheimpolizei der DDR will ihn als Spitzel anwerben. Karl muss vielleicht die schwerste Entscheidung seines Lebens treffen…

Eine Leseprobe kann auf der Verlagsseite eingesehen werden.

In Erfurt lebt ein alter Mann. Er ist über 90 Jahre alt und heißt Karl Metzner. Karl hat zwei Diktaturen überlebt, ohne seine Menschenwürde und Zivilcourage einzubüßen. Als bescheidener Mensch mag er nicht so gern darüber sprechen. Historiker Jochen Voit und Comic-Künstler Hamed Eshrat erzählen nun Karl Metzners spannend dramatische Geschichte, und zwar in Form einer Graphic Novel. 

Die Handlung dieser Graphic Novel spielt sich auf zwei Zeitebenen ab: In Erfurt im Jahre 1943 und zwanzig Jahre später in Ost-Berlin. Als literarische Referenz wird gleich zu Beginn der Roman von Hans Fallada „Jeder stirbt für sich allein“ erwähnt, der ebenfalls eine wahre Lebensgeschichte aufgreift und literarisch verarbeitet. Falladas Buch ist also keine Dokumentation, kein Sachbuch, sondern eine Darstellung in Form eines Romans, in der auch die Interpretations- und Vorstellungskraft des Autors eine Rolle spielen. So verfahren auch Jochen Voit und Hamed Eshrat in der Graphic Novel „Nieder mit Hitler!“. 

Eine Geschichte in Bildern aus den Zeiten des Dritten Reiches ist an sich kein leichtes Unterfangen. Umso komplizierter wird es, wenn in einem Buch zwei sehr schwierige Kapitel der deutschen Geschichte – die NS- und SED-Diktatur – parallel dargestellt werden. Die Gefahr, das Besondere an der jeweiligen Epoche zu „verkennen“ oder beide Epochen zu klischeehaft darzustellen, ist groß. Und dennoch gelingt den Autoren dieses Experiment. Das Bindeglied ist die doppelte Diktaturerfahrung des Haupthelden, was diesem Buch einen besonderen literarischen und historischen Wert verleiht. 

Die Darstellung zweier einschneidender Episoden aus dem Leben von Karl Metzner ist konkret und (mit)erlebbar. Sein Leben ist nur ein Fall von mehreren und gleichzeitig ist es ein herausragender Fall, der Thema einer Graphic Novel werden kann. Karl ist ein ganz normaler Erfurter Junge: Er mag Sport, er möchte mit seinen Schulfreunden Spaß haben, er träumt davon, einmal eine Freundin zu haben. Aber er lebt in einer Zeit, die ihn und andere herausfordert. Bist du damit einverstanden, wenn deine jüdischen Nachbarn verfolgt und gedemütigt werden? Schaust du nur zu? Oder machst du mit? Wir werden Zeugen dessen, wie in Karl die Entscheidung reift, sich dem System Hitler zu widersetzen, auch wenn er sein Leben aufs Spiel setzen muss. 

Die zwei Zeitebenen wechseln sich immer wieder ab, auch farblich ist dies gut markiert: Die in Brauntönen dargestellte Nazi-Zeit wird immer wieder vom Grau der DDR-Realität abgelöst. Dies mag etwas klischeehaft erscheinen, wirkt aber in der Bilderästhetik überzeugend. Das Cover ist so plakativ gestaltet, dass man es nicht leicht „übersehen“ kann. 

Dank seiner biografischen Ausrichtung mit zwei wichtigen Kapiteln der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts im Hintergrund eignet sich der Roman sehr gut als Klassenlektüre sowohl für den Geschichtsunterricht als auch für den Literatur- und Deutschunterricht ab dem Ende der Sekundarstufe I. Der dazugehörige Dokumentarfilm ist eine optimale mediale Ergänzung dieses Stoffes. Außerdem gibt es ein Fachbuch „Nieder mit Hitler!: Der Widerstand der Erfurter Handelsschüler um Jochen Bock“ (Taschenbuch, 2016) von Christiane Kuller und Annegret Schüle, herausgegeben von Jochen Voit, das als ergänzende Lektüre für Fortgeschrittene und/oder Vorbereitungslektüre für Lehrkräfte geeignet ist. Die kurzen Textpassagen dieser Graphic Novel sind auch für jüngere, leseungewohnte und DaZ-lernende Leser gut geeignet, auch als erster literarischer Stoff, mit dem man im Unterricht die Themen Nationalsozialismus und SED-Diktatur niederschwellig und dennoch anspruchsvoll bearbeiten kann.