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Buchcover Liz Pichon: Tom Gates – Wo ich bin, ist Chaos (Aber ich kann nicht überall sein)

Rezension von Sara Müller

Die Ferien sind zu Ende und Tom muss wieder in die Schule. Das ist einerseits ganz okay, weil er Amy, das coolste Mädchen aus seiner Klasse wiedersieht, andererseits setzt ihn sein Klassenlehrer Mr. Fullerman neben den blödesten und nervigsten Jungen in seiner Klasse – und Marcus entpuppt sich als noch viel schlimmer als gedacht, weil er dauernd versucht, in Toms Heft zu schauen und zu sehen, was Tom da schon wieder zeichnet...

BuchtitelTom Gates – Wo ich bin, ist Chaos (Aber ich kann nicht überall sein)
AutorLiz Pichon (aus dem Englischen übersetzt von Verena Kilchling)
GenreComedy
Comic & Graphic Novel
Lesealter8+
Umfang243 Seiten
Edition5. Auflage 2011
VerlagEgmont SchneiderBuch
ISBN978-3-505-12936-0
Preis8,99 €

Die Ferien sind zu Ende und Tom muss wieder in die Schule. Das ist einerseits ganz okay, weil er Amy, das coolste Mädchen aus seiner Klasse wiedersieht, andererseits setzt ihn sein Klassenlehrer Mr. Fullerman neben den blödesten und nervigsten Jungen in seiner Klasse – und Marcus entpuppt sich als noch viel schlimmer als gedacht, weil er dauernd versucht, in Toms Heft zu schauen und zu sehen, was Tom da schon wieder zeichnet. Und Tom zeichnet viel – immerhin muss er ein Bandlogo für seine Band „Dog Zombies“ entwerfen. Mit dieser Band, auch wenn sie bislang eher noch ziemlich schlecht ist, wollen Tom und sein bester Freund Derek berühmt werden. Und ihr Song über Toms nervige Schwester Delia hat sicherlich Hitpotenzial. Überhaupt ist Toms Familie nicht ganz ohne. Von der ewig schlecht gelaunten Delia mal abgesehen, sind auch Toms Eltern manchmal ECHT peinlich, vor allem Toms Vater, der einfach nicht weiß, dass man sich nicht peinlich anziehen darf, wenn man sein Kind von der Schule abholt! Und so kämpft Tom sich durch seinen Alltag – durch das Nichtabgeben seiner Hausaufgaben, das Warten auf das Konzert seiner absoluten Lieblingsband „Dude3? und die Höhen und Tiefen in der Schule und mit seiner Familie. Irgendwas ist immer los – langweilig wird es Tom jedenfalls nie.

Tom erzählt in seinem Tagebuch in der Ich-Form über den Zeitraum zwischen den Sommer- und den Herbstferien. Die Handlung der Erzählung ist meist episodisch von Alltagsgeschehnissen geprägt: Seien es Hänseleien oder Streit mit seiner Schwester Delia, Schwierigkeiten oder auch spannende Erlebnisse in der Schule. Die Figur von Tom folgt keiner klassischen Tradition; die typische Figurenkonstellation „Held – Gegenspieler“ gibt es in diesem Comic-Roman nicht. Vielmehr stellt Tom je nach Episode mal einen „Loser“ (Anti-Helden) dar, der zum Beispiel in peinliche Situationen gerät und von seinen Mitschülern ausgelacht wird, mal triumphiert er mit einem seiner Streiche oder kommt glimpflich aus einer schwierigen Situation heraus.

Die Leseprobe zu "Tom Gates – Wo ich bin, ist Chaos (Aber ich kann nicht überall sein)" von Liz Pichon finden Sie hier.

„Tom Gates – Wo ich bin, ist Chaos“ und die Folge-Bände eignen sich aufgrund des hohen Unterhaltungswertes und der leichten Lesbarkeit hervorragend zur Leseanimation von Lesemuffeln.

Der Comic-Roman erinnert durch den Tagebuchstil und die zahlreichen Zeichnungen stark an „Gregs Tagebücher“. Aufgrund der vielen bildhaften Darstellungen lässt sich das Buch auch mit seinen über 200 Seiten leicht und zügig lesen, gerade auch von leseschwächeren Kindern.

Charakteristisch für dieses als Comic-Roman bezeichnete Buch ist, dass die Autorin Liz Pichon vielfältige Mittel der Komik verwendet. Die am häufigsten eingesetzte Form der Komik ist dabei eine „freie Komik“, die durch Verschiebung von Kontexten und eine plötzliche kontrastive Veränderung der Zustände entsteht. Wenn Tom beispielsweise davon erzählt, dass er mal wieder seine Hausaufgaben vergessen hat und seinem Lehrer als Ausrede eine Entschuldigung schreibt: „Sie erraten nie, was passiert ist. Ich hatte meine Kritik gerade fertig geschrieben, als ich aus Versehen ein RIESENGLAS Wasser darübergeschüttet habe.“ (S.50), so erwartet der Leser, dass der Lehrer diese Lüge durchschaut und Tom die Konsequenzen für das Fehlen der Hausaufgaben tragen muss. Aber solche Situationen entwickeln sich oft entgegen der Erwartungen der Leser. Im eben beschriebenen Beispiel antwortet der Lehrer per Brief auf Toms Entschuldigung mit: „Auweia, Tom! Was für eine Sauerei. Ich freue mich schon auf deine Kritik, die Du mir bis morgen bitte noch einmal neu schreibst. Nimm Dich zukünftig vor diesen lästigen RIESENGLÄSERN Wasser in Acht!“ (S.50).

Auch andere Formen der Komik finden sich in dem Comic-Roman, etwa Sprachkomik oder eine Komik der Befreiung. Diese Formen lassen sich z.B. an der folgenden Szene beobachten: Tom beschreibt in seinem Tagebuch an mehreren Stellen seine Großeltern. Als sie das erste Mal von ihm erwähnt werden, weiht er den Leser in Klammern (also wie nebenbei, als „kurze Information“) ein, dass er seine Großeltern „Die Fossilien“ nennt. Die Buchstaben der Wörter „Die Fossilien“ zeichnet Tom dabei aus Steinen, das heißt die Bedeutung des Wortes „Fossil“ wird von ihm wortwörtlich genommen und auf eine Bildebene übertragen. Ähnlich geht Tom auf der nächsten Seite vor: Zum zweiten Mal benutzt er das Wort „Fossilien“ zur Beschreibung seiner Großeltern. Dieses Mal jedoch nutzt er zur zeichnerischen Umsetzung der Bedeutung einen Stein, den er so aussehen lässt, als wäre das Wort „Fossilien“ in den Stein eingraviert.

Diese Art, seine Großeltern zu beschreiben und dabei die Bedeutung des Ausdrucks wortwörtlich zu nehmen, stellt ein Beispiel für Sprachkomik dar. Toms Übertreibung in der Beschreibung seiner Großeltern bringt den Leser zum Lachen, umso mehr, da in der nächsten Zeichnung zu sehen ist, dass die Großmutter keineswegs uralt und versteinert ist, sondern im Gegenteil von Tom als sehr aktiv dargestellt wird: Wie in der Zeichnung zu sehen ist, lässt sie sich auf Rollschuhen von einem Moped ziehen und ihrem Ausruf „Huiiiiii“ nach zu schließen, hat sie dabei sogar großes Vergnügen (TG, 64). Die Großmutter ist also das Gegenteil von „fossil“, unbewegt wie ein Stein, sondern in Bewegung wie ein junger Mensch. Der Leser lacht an dieser Stelle, da er durch Toms übertriebene Beschreibung die Erwartung aufgebaut hatte, eine versteinerte, alte Großmutter zu erleben. Stattdessen wird er überrascht von einer sehr aktiven älteren Dame. Der Text und die Bildebene stimmen an dieser Stelle nicht überein und diese Inkongruenz erzeugt einen komischen Effekt.

Diese Situation ist darüber hinaus auch komisch, weil die Großeltern klar die gesellschaftlichen Erwartungen und Normen, die an Großeltern gestellt werden, übertreten. Die gezeigte Aktivität wird von den meisten als waghalsig und nur für Menschen mit einer guten körperlichen Verfassung geeignet angesehen. Somit stellt diese Situation durch die Normüberschreitung auch ein Beispiel für eine „Komik der Befreiung“ dar.


Auf dem Frontcover des Buches „Tom Gates“ steht ausdrücklich vermerkt, dass es sich um einen Comic-Roman handele. Was aber ist ein Comic-Roman überhaupt? Dieses Genre ist eine recht junge Erscheinung. Eines ist aber sicher: Seinen Ursprung hat der Comic-Roman, wie der Name schon nahelegt, bei den Comics.

Lange (2004, 16) definiert Comics als eine „literarische Gattung, die als Bildfolge im Zusammenspiel von Bild und Sprache (‚Synechie’) ihr Charakteristikum besitzt.“ Der Comic fügt also verbale und piktorale Zeichensysteme zusammen. „So unterschiedlich Bildgeschichten auch sind, sie basieren alle auf der engen und/oder weiten Bildfolge und verlangen vom Rezipienten eine kombinierende, verlebendigende Lese- und Interpretationsarbeit. Als moderne Form der Bildgeschichte – mit dem Begriff fast synonym – kann der Comic gelten.“ (Grünewald, 2000, 15)

Ein traditioneller Comic besteht aus mehreren Einzelbildern (Panel), die gemeinsam eine Bildreihung ergeben (vgl. Schwarz 1977, 11. Zit. nach Grünewald, 2000, 4). Die Einzelbilder sind in der Regel durch Randlinien (Habitus) und Bildzwischenräume (Hiatus) voneinander getrennt. Text wird meistens in Sprech- und Denkblasen oder in Textkästen präsentiert (vgl. Dolle-Weinkauff, 2011). Es gibt aber auch Comics, die ohne Text auskommen. Bei „Tom Gates“ ist es nun so, dass sich im Gegensatz zum traditionellen Comic und bis auf zwei Ausnahmen, keine nur aus Panels bestehende Bildreihung findet. Vielmehr bestehen Teilhandlungen zur einen Hälfte aus (nicht gerahmtem) Text und zur anderen Hälfte aus (nicht gerahmten) Bildern. Die comic-eigene Synechie bleibt aber dennoch erhalten, da sich Text und Bild in den meisten Fällen komplementär zueinander verhalten. Im Zusammenspiel der beiden Zeichensysteme werden sowohl komische Effekte erzeugt als auch das Leseverständnis unterstützt.

Warum eignen sich Comics und Comic-Romane gerade auch für die Leseförderung von Jungen?
Leseförderung sollte bei den Interessen der Kinder ansetzen. Dazu gehört, dass die Kinder sich ihre Lesestoffe selbstständig aussuchen dürfen und dabei ihren Lesemodalitäten entsprechend freie Hand haben. Bischof und Heidtmann haben 2002 erhoben, dass die Lektüremotivation und -gratifikation bei Jungen zu 40% Unterhaltungs- und erlebnisorientiert ist (vgl. Philipp/Garbe, 2011, 15). Um bei Jungen die Leselust zu steigern, sollte es ihnen gestattet werden, Bücher zu lesen, die dieses Bedürfnis nach Unterhaltung erfüllen, also Bücher, die nicht unbedingt den von LehrerInnen oft erwünschten pädagogischen Mehrwert besitzen. Zu diesen Büchern gehören auch Comics und Comic-Romane. Wie empirische Studien zeigen, ist diese Gattung bei Jungen besonders beliebt und wird häufig gelesen.

Was ist der Grund für diese Beliebtheit der Comics?
Für die Leseförderung ist die „Einfachheit“ der zu lesenden Lektüre von Bedeutung. Comics können durchaus „einfach“  zu lesen sein. Lange (2004, 17) sieht dies in der Doppelcodierung (piktorales und verbales Zeichensystem) der Comics begründet, die ermöglicht, dass auch wenig geübte Leser in kürzester Zeit ein Buch lesen und verstehen können. Hinzu kommt bei Comic-Romanen wie „Tom Gates“, dass es sich um für die Kinder und Jugendlichen anschaulich nahe Geschichten handelt, die Emotionen ansprechen und das Miterleben animieren (vgl. Grünewald, 2000, 40). Dies wird durch die Tagebuch-Form noch verstärkt. Ein weiteres Merkmal, das Comic-Romane wie „Tom Gates“ und „Gregs Tagebücher“ einfach zu lesen macht, ist die Episodenform, in der sie geschrieben sind. Die kurzen abgeschlossen Geschichten lassen sich in einem Zug durchlesen oder vorlesen.

PädagogInnen müssen also der Neigung von Kindern, gerne Comics resp. Comic-Romane zu lesen, nicht entgegenwirken. Auch wenn im vergangenen Jahrhundert noch massive Ablehnung gegenüber Comics herrschte, so wurden die Argumente doch widerlegt (vgl. Lange, 2004, 18). Lange plädiert für eine aktive Einbindung von Comics in den (Deutsch-)Unterricht, um eine sachliche und reflektierte Auseinandersetzung mit dem Genre anzuregen. Dafür eigne sich insbesondere der fächerübergreifende Unterricht mit dem Fach Kunst, um eine intensive Auseinandersetzung auch mit dem piktoralen Zeichensystem zu fördern.

Es gibt von dtv online ein kostenloses Unterrichtsmodell dazu: Kai Stäpeler: Tom Gates. Wo ich bin, ist Chaos. Ein Unterrichtsmodell für die Klassen 4-5. Lesen in der Schule mit dtv junior Bd. 71570. München 2014: www.dtv.de/_pdf/lehrermodell/71570.pdf

Und hier noch ein Rezensionsvideo auf youtube: