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Buchcover Craig Silvey: Wer hat Angst vor Jasper Jones?

Rezension von Annette Kliewer

Ein Mord schreckt eine kleine australische Kleinstadt auf. Laura Wishart ist verschwunden. Charlie, der büchersüchtige Streber, weiß, wo sie sich befindet und er weiß auch, dass er es niemanden erzählen darf...

BuchtitelWer hat Angst vor Jasper Jones?
AutorCraig Silvey (übersetzt von Bettina Münch)
GenreAbenteuer
Lesealter14+
Umfang416 Seiten
Edition2. Auflage 2012
VerlagRowohlt Rotfuchs, Reinbek
ISBN978-3499216978
Preis16,95 €

Ein Mord schreckt eine kleine australische Kleinstadt auf. Laura Wishart ist verschwunden. Charlie, der büchersüchtige Streber, weiß, wo sie sich befindet und er weiß auch, dass er es niemanden erzählen darf. Denn sonst würden alle denken Jasper Jones, der Außenseiter, der im Wald lebt und vor dem alle Eltern ihre Kinder warnen, habe Laura ermordet. Aber Charlie glaubt Jasper und gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach dem wahren Mörder.

Japser Jones ist an mein Fenster gekommen.

Ich weiß nicht, warum, aber es ist so. Vielleicht steckt er in Schwierigkeiten. Vielleicht kann er sonst nirgendwohin.

Auf jeden Fall hat er mir gerade eine Scheißangst eingejagt.

Es ist der heißeste Sommer, an den ich mich erinnern kann; die dumpfe Hitze sichert auf die geschlossene Veranda, auf der ich schlafe, und setzt sich dort fest. Hier drinnen fühlt es sich an wie am Erdkern. Nur die kühlere Luft, die sich durch die schmalen Glaslamellen meines Fensters zwängt, verschafft mir Erleichterung. Schlafen ist so gut wie unmöglich, deshalb verbringe ich den Großteil meiner Nächte damit, im Licht meiner Kerosinlampe zu lesen.

So war es auch heute. Als Jasper Jones urplötzlich gegen meine Jalousie klopfte und meinen Namen zischte, sprach ich vom Bett, sodass meine Ausgabe von Knallkopf Wilson zu Boden fiel.

"Charlie! Charlie!"

Wie ein Sprinter kniete ich mich vors Fenster, angespannt und nervös.

"Wer ist da?"

"Charlie! Charlie, komm raus!!

"Wer ist da?"

"Ich bin’s, Jasper!"

"Was? Wer?"

"Jasper.  Jasper!" Dann hielt er sein Gesicht direkt ins Licht. Die Augen grün und wild. Ich blinzelte.

"Wirklich? Was ist los?"

"Ich brauche deine Hilfe. Komm einfach raus, dann erklär ich' s dir", flüsterte er.

"Was? Warum?"

"Herrgott noch mal, Charlie! Jetzt mach schon! Komm raus."

Er ist also hier.

Jasper Jones steht vor meinem Fenster.

Aufgeregt klettere ich aufs Bett, nehme die staubigen Glaslamellen heraus und staple sie auf meinem Kopfkissen. Dann schlüpfe ich schnell in eine Paar Jeans und blase meine Lampe aus. Als ich mich mit dem Kopf voran durch das Fenster zwänge,, zieht irgendetwas Unsichtbares an meinen Beinen. Es ist das erst Mal, dass ich es wage, mich von zu Hause fortzuschleichen. Dieser Nervenkitzel, gepaart mit der Tatsache, dass Jasper Jones meine Hilfe  braucht, verleiht dem Moment schon etwas Unheimliches.

Mein Abgang aus dem Fenster erinnert ein bisschen an die Geburt eines Fohlens. Plump und ungelenk rutsche ich heraus, direkt ins Gerberabeet meiner Mutter. Ich steige hastig aus der Rabate und tue, als hätte es nicht wehgetan. 

Es ist Vollmond heute Nacht und sehr still. Wahrscheinlich ist es den Hunden in der Nachbarschaft zu heiß, um Alarm zu schlagen. Jasper Jones steht mitten im Garen hinter unserem Haus. Er tritt von einem Fuß auf den anderen, als würde der Boden glühen.

Jasper ist groß. Obwohl er nur ein Jahr älter ist als ich, wirkt er wesentlich reifer. Sein Körper ist drahtig, aber kräftig. Figur und Muskulatur sind bereits voll entwickelt. Sein Haar ist eine wilde, struppige Matte. Es ist ziemlich offensichtlich, dass er es sich selbst zurechtstutzt.

Japser ist aus seinen Klamotten herausgewachsen. Sein Hemd ist schmuddelig und spannt sich über der Brust, und seine kurze Hose ist über den Knien abgeschnitten. Er sieht aus wie ein Schiffsbrüchiger.

Der dreizehnjährige Charlie ist ein kleiner Schisser: Er hat eine Insektenphobie, traut sich nicht, seinem besten Freund Jeffrey, einem Vietnamesen zu helfen, wenn andere ihn mobben, und er bewundert nur von ferne den Außenseiter Jasper Jones, der sich allein durchschlägt und im Busch lebt.

Ausgerechnet dieser bittet ihn aber eines nachts um Hilfe. An Jaspers verborgenem Lieblingsplatz hängt Laura Wishart, die Tochter des Bezirkspräsidenten. Alle werden meinen, Jasper hätte sie umgebracht. Charlie soll helfen, ihre Leiche zu verstecken und gemeinsam sollen sie auch herausbekommen, wer der wirkliche Mörder ist.

Charlie hat nun also ein Geheimnis. Er, der sich im Allgemeinen in die Literatur rettet statt zu leben, muss sich nun den Wahrheiten stellen, die er über die Gesellschaft der australischen Kleinstadt im Jahr 1965 erfährt: Seine Mutter betrügt seinen Vater, die wohl angesehenen Bürger sind gewalttätig und treiben Missbrauch mit ihren Kindern, Rassismus und Ausgrenzung von schwierigen Menschen ist selbstverständlich.

Das gemeinsame Geheimnis der gegensätzlichen Protagonisten schweißt sie zusammen, zwei Männlichkeitsentwürfe begegnen sich in ihrer "merkwürdigen Allianz": Der Außenseiter und Abenteurer und der brave Lehrersohn mit Begeisterung für Intellektualität. Beide sind Anti-Helden auf ihre Art, und wenn der Leser das Geschehen aus der Perspektive von Charlie miterlebt, so wiederholt sich genau das, was Charlie an sich selbst beobachtet: Er lebt nicht, er liest.

Craig Silvey, der nicht nur in Australien mit Preisen für seinen Roman überhäuft wurde (in Deutschland wurde er für den Deutschen Jugendliteraturpreis von der Jugendbuchjury nominiert), ist Autor und Songwriter für eine Band. Seine Sprache ist spröde, gibt aber auch gut die vorsichtigen Gedanken des Anti-Helden Charlie wieder. Interessant sind die intertextuellen Bezüge, die sich deutschsprachigen Lesern aber vielleicht nicht immer erschließen. So ist Charlie ein Fan von Mark Twain und Jasper Jones ähnelt in Vielem dessen Held Huckleberry Finn. Seine weiteren Lieblingsautoren sind Harper Lee und Truman Capote. Es finden sich denn auch Parallelen zu „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee und Charlies Vater erinnert stark an Atticus Finch, Mad Jack Lionel dagegen an Boo Radley. Und auch Mark Twains „Knallkopf Wilson“ gibt Charlie die Antwort auf eine seiner zentralen Fragen: Er, dessen grundlegendes Gefühl die Furcht vor dem Leben ist, der den Abenteurer Jasper Jones als sein erwachsenes Ich bewundert, der vor lauter Angst das Haus nicht verlässt, um das Mädchen, das er liebt, nicht ansprechen zu müssen, er diskutiert mit seinem Freund Jeffrey darüber, wer der größte Held ist - Superman, Batman oder Spiderman? Die Antwort ist für ihn: „Mut haben bedeutet der Furcht widerstehen, sie beherrschen – nicht, keine Furcht haben.“

Der Roman ist zum einen ein klassischer Adoleszenzroman, der beschreibt, wie der Protagonist erwachsen wird, zum anderen ein spannender Krimi, der durch überraschende Wendungen die Spannung aufrechterhält. Die Übersetzerin Bettina Münch hat eine sehr gute Übertragung der Sprachspiele vorgelegt.

Trotz des großen Umfangs ist der Roman für die gemeinsame Lektüre im Unterricht geeignet. Die Mischung aus Kriminalroman, Gesellschaftskritik und Coming of age richtet sich in besonderer Weise an die Jungen, die sich hier wiedererkennen können und mit Jasper oder Charlie identifizieren können. Aber das ist in Zeiten, in denen immer wieder über die Leseförderung von Jungen gesprochen wird, sicher kein Schaden – die Mädchen lassen sich nicht zuletzt durch die Liebesgeschichten (zwischen Jasper und Laura und zwischen Charlie und ihrer Schwester Eliza) auch fesseln. Der Roman ist auf jeden Fall literarisch ambitioniert und verlangt genaues Lesen, richtet sich von daher an geübtere LeserInnen ab der neunten Klasse. Nicht alle Hinweise auf die Zeitgeschichte (immer wieder gibt es Anspielungen auf den Vietnamkrieg) werden wohl alleine aufgelöst werden können, wichtiger ist, dass auch Charlies Begeisterung für die Literatur und seine Lust am eigenen Schreiben aufgegriffen wird. 

Ab Juli 2014 steht eine kostengünstige Taschenbuchausgabe zur Verfügung.