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Buchcover Broken – Der Moment, in dem du fällst

Rezension von Eva Maus

„Broken – Der Moment, in dem du fällst“ mutet dem Leser  viel Innensicht, Emotionen und Leiden des Protagonisten zu, ohne weinerlich oder verweichlicht zu wirken. Wer sich darauf einlassen kann, wird mit einem spannenden Leseerlebnis belohnt.

BuchtitelBroken – Der Moment, in dem du fällst
AutorTabitha Suzuma
GenreGesellschaftskritik
Lesealter14+
Umfang382
VerlagOetinger
ISBN978-3-7891-4754-8
Preis17,99
Erscheinungsjahr2013

Mathéos Eltern sind reich. Er ist 17 Jahre alt, beliebt und kann sich Hoffnungen auf olympisches Gold im Turmspringen machen. Zudem hat er tolle Freunde und eine umwerfende Freundin. Mit dem hohen schulischen wie sportlichen Leistungsdruck und der emotionalen Abwesenheit seiner Eltern kommt er gut zurecht.

Als Mathéo allerdings eines Morgens in seinem zertrümmerten Zimmer aufwacht, weiß er, dass etwas Schlimmes geschehen sein muss. Er erinnert sich nicht, woher seine körperlichen und seelischen Verletzungen kommen – oder er will sich nicht erinnern. Zunehmend fühlt er sich innerlich tot  , bekommt Panik-Attacken und vermeidet soziale Kontakte. Erst nach und nach kann er sich eingestehen, dass er das Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden ist und redet schließlich sogar mit seiner Freundin Lola darüber . Trotzdem muss er das Verbrechen vor allen anderen geheim halten, denn die ganze Wahrheit birgt noch ein Geheimnis und das würde nicht nur sein Leben zerstören.

Er hat die Antwort gefunden. Auch wenn er es nicht schafft, seine Ängste zu unterdrücken, auch wenn er es nicht schafft, zu seinem Leben davor zurückzukehren, auch wenn er es nicht schafft, wieder zu dem zu werden, der er vor dem Abend in Brighton war... kann er doch so tun, als ob. Er erinnert sich noch gut genug an sein altes Ich, um ihm äußerlich ähnlich zu sein, jedenfalls solange er dauernd auf Achse ist. Das harte Training – Sprungbrett, Sprunggrube, Trampolin, Akrobatik, Turnen und sein Work-out zu Hause – und die bis zur letzten Sekunde ausgefüllte Freizeit, die er mit seiner Clique und vor allem mit Lola verbringt, das alles signalisiert ihm selbst und den anderen: Er ist wieder in seinen Normalzustand zurückgekehrt, die schwarze Woge hat ihn nicht verschluckt, der dicke Schleier, unter dem er zu ersticken glaubte, hat sich gehoben. Er ist in die wirkliche Welt zurückgekehrt, jedenfalls macht er das sich und den anderen vor. Eine Welt, in der seine größte Sorge ist, den Big Front perfekt hinzubekommen. In der er Extra-Trainingsstunden einschiebt, damit seine Eltern mit ihm zufrieden sind. Eine Welt, in der er spät nach Hause kommt, um heimlich länger mit Lola zusammen sein zu können. Und im Moment scheint es zu funktionieren. Er achtet höllisch darauf, dass er so wenig wie möglich mit seinen Gedanken allein ist – zu seinem Work-out dreht er die Musik laut auf, vor dem Einschlafen telefoniert er noch mit Lola, er fängt sogar an mit Lo?c zu spielen, bis seine Eltern nach Hause kommen. Seit den Meisterschaften sind jetzt fast zwei Wochen vergangen, und das Schuljahr ist fast zu Ende. Die tiefschwarzen Gedanken hat er immer noch – es brodelt weiter in ihm, tief unter der Oberfläche -, aber er drückt sie mit aller Kraft nach unten.

„Broken – Der Moment, in dem du fällst“ ist auf den ersten Blick gar kein typisches Jungenbuch – aber irgendwie doch. Einerseits wird viel über Gefühle geschrieben: Mathéo ist in weiten Teilen des Buches mit seinen Ängsten und seinem inneren Leiden beschäftigt. Zudem ist er das Opfer eines Verbrechens, fühlt sich hilflos und weigert sich, aktiv gegen seinen Peiniger vorzugehen. Andererseits ist er ein erfolgreicher Heranwachsender  , der vor dem traumatischen Vorfall – und oberflächlich oft auch noch danach – als stereotyp männlich gelten kann: Er hat eine hübsche und intelligente Freundin, die er liebt. Er ist ehrgeizig, selbstdiszipliniert und sportlich, beliebt und wohlhabend. Diese Fassade versucht Mathéo auch dann noch aufrecht zu erhalten, als er innerlich schon völlig am Ende ist.

Obwohl Mathéo auch manchmal die Tränen nicht zurückhalten kann, ist er keinesfalls weinerlich. Er reagiert vielmehr durch Verdrängung, manchmal auch durch Aggression auf seine seelischen Zustände, die er selbst nur schwer einordnen kann. Das befremdet vor allem seine Freunde, während seine Eltern nur langsam erkennen, dass ihr Sohn sich verändert. Sie sind, genau wie er, vor allem an der oberflächlichen Perfektion der Außendarstellung interessiert. Sein einsamer, kleiner Bruder Lo?c hingegen überrascht Mathéo durch seine Empathie. Doch auch ihm kann er sich nicht wirklich anvertrauen. Da der Leser die Geschehnisse um die Vergewaltigung, den Grund für Mathéos Schweigen und die Identität des Täters nur Stück für Stück erfährt, ist das Buch zudem durchgängig spannend. Schon auf den ersten Seiten fragt man sich mit Mathéo, warum und von wem seine Zimmereinrichtung demoliert wurde und woher seine Verletzungen kommen.

Erst als Probleme beim Sex auftreten, die Lage zu eskalieren droht und seine Freundin einfühlsam insistiert, stellt er sich Stück für Stück den schmerzhaften Geschehnissen. Sein Unwille, die Wahrheit zu akzeptieren und gegen seinen Peiniger vorzugehen, resultiert dabei nicht nur aus Angst oder Selbstschutz, sondern zeigt auch seinen Beschützerinstinkt und Verantwortungsbewusstsein. Denn die Identität des Vergewaltigers stürzt ihn in ein großes Dilemma. Deutlich wird, dass Verdrängung und Schweigen, so verständlich sie auch sein mögen, nicht zur Lösung des Problems beitragen. Dass es keine Patentlösungen für Mathéos Leiden gibt, wird allerdings ebenfalls deutlich.

So schreibt Tabitha Suzuma sehr emotions-lastig. Aber sie stellt jungen Lesern, die dies aushalten können, einen männlichen Protagonisten zur Verfügung, der große Gefühle und Hilflosigkeit als „männliche“ Figur erlebt und zu bewältigen versucht. Durch das chronologische Erzählen im Präsens ist der Leser stets nah an den authentisch wirkenden Gefühlen Mathéos. Distanz schafft nur, dass Suzuma in der dritten Person schreibt. Bei den Schilderungen der Geschehnisse, auch der Vergewaltigung, ist die Autorin dabei nicht zimperlich und auch auf ein klassisches Happy End mit einfachen Lösungen darf nicht gehofft werden.

Fazit: Ein gleichermaßen spannendes und emotionales Buch, dessen Lektüre sich für alle lohnt, die sich auf den schweren Weg des Protagonisten einlassen können. Ein Buch voller großer Gefühle – auch für Jungen.

„Broken – Der Moment, in dem du fällst“ eignet sich vor allem für die private Lektüre und evtl. für freie Leseformate in der Schule. Durch das sensible Thema und den Fokus auf das Innenleben des Protagonisten ist dagegen eine gemeinsame Lektüre in der Klasse evtl. problematisch und vor allem für weniger Lesegeübte schwierig.