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Buchcover Frank Cottrell Boyce: Broccoli-Boy rettet die Welt

Rezension von Uta Woiwod

Batman und Captain Future können einpacken – denn jetzt kommt Broccoli-Boy! Witzig und ganz schön schwindelerregend liest sich Frank Cottrell Boyces Geschichte um einen Jungen, der plötzlich grün ist

BuchtitelBroccoli-Boy rettet die Welt
AutorFrank Cottrell Boyce
GenreHumor & Comedy
Lesealter10+
Umfang352
VerlagCarlsen
ISBN978-3-551-55363-8
Preis14,99

Eines Tages steigt Rory Rooney aus einem Fluss, in den ihn seine Widersacher aus der Schule geworfen haben, und ist von oben bis unten grün. Zur Untersuchung seiner ungewöhnlichen Farbe muss er eine Zeit lang auf der Isolierstation einer Klinik bleiben und stellt dort fest, dass den Anführer seiner Widersacher das gleiche Schicksal ereilt hat: Auch Tommy-Lee, der schlimmste Schülerschreck überhaupt, ist brokkoligrün. Eines Abends folgt Rory dem schlafwandelnden Tommy-Lee auf das Dach des Krankenhauses. Sie seilen sich mit einer Fensterputzergondel nach unten ab und schlendern durch das nächtliche London. Fortan machen die beiden ungleichen Jungen allabendlich ihre abenteuerlichen Ausflüge in die Umgebung und freunden sich allmählich an. Auf einem ihrer Streifzüge treffen sie auf Koko, die ebenfalls grün geworden ist und die dritte in ihrem Bunde wird. Während die Ärzte weiterhin rätseln, warum die drei Kinder grün sind, glaubt Rory, geheime Superkräfte bei sich zu entdecken.
Mit dem eigensinnigen Tommy-Lee werden die nächtlichen Ausflüge immer chaotischer. In einem Showdown werden die drei Freunde schließlich von der Polizei durch die Stadt verfolgt und verhandeln sogar mit dem Premierminister. Da scheint endlich eine Erklärung für die Grünfärbung gefunden, und Rory erkennt, was wirklich dazugehört, um erstaunlich zu sein.

Eine Leseprobe kann auf der Verlagsseite eingesehen werden. 

Der Titel ist schon ein echter Knüller. „Broccoli-Boy rettet die Welt“ klingt nach Witz und Abenteuer und verweist damit ziemlich pointiert auf das Genre des Buchs: Es handelt sich um eine – gelungene – Superheldenparodie. Diesen Eindruck unterstützt auch das Cover: Hier steht ganz lässig ein grüner Junge im Schlafanzug vor einer großen, grünen Superhelden-Projektion, im Hintergrund das nächtliche London. Jüngere wie erwachsene Leser dürften gleichermaßen neugierig werden auf das, was sich hinter Titel und Cover verbirgt.

Das Bild von dem Jungen im Schlafanzug, Rory Rooney, ist als Daumenkino in das Buch integriert: Rory springt, kämpft sich, jubelt, rennt durch London und durch ein recht umfangreiches Buch von stolzen 352 Seiten. Er ist der Ich-Erzähler der unglaublichen Geschichte ums Grünsein, diese wird also aus der Außenseiter-Perspektive geschildert. Denn Rory hat an der Schule einen Erzfeind, bei dem es sich um einen gemeinen Schlägertyp handelt, im Englischen gibt es hierfür den Ausdruck Bully. Tommy-Lee, der von allen „Grim“ genannte Bully also, wird eingeführt als der Schurke der Geschichte. Als sich jedoch herausstellt, dass den Gegenspieler oder Antagonisten das gleiche Schicksal ereilt hat wie den Protagonisten (beide sind auf einmal grün), werden die zwei zu Verbündeten gegen den Rest der Welt – zunächst einmal gegen das Krankenhaus-Team. Denn in einem Raum mit gläserner Front, den Rory „das Aquarium“ nennt, werden die Kinder beäugt wie im Zoo. Zugleich entlarvt die Geschichte das ‚Bully-tum‘ als Verbergen von Schwäche: Sowohl der vermeintlich Schwache, der versucht, sich mit Tipps aus einem Überlebensratgeber zu helfen, als auch der vermeintlich Starke, der einfach nur die Decke über den Kopf zieht, finden sich auf einmal in derselben Situation wieder, vereint im ganz speziellen Anderssein.
Und es wird klar, worauf die Superheldenparodie hinausläuft: Beiden geht es um das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Fühlen sich die beiden Jungen und ihre Freundin Koko Kwok aufgrund ihrer grünen Farbe zunächst wie eine faszinierende, aber gefährliche Sensation behandelt, so fehlt ihnen, als die Farbe wieder verschwindet, eben jene besondere Aufmerksamkeit. Somit ist das Grünsein zugleich anschaulicher und unterhaltsamer Ausdruck einer ambivalenten Andersartigkeit, die jugendlich-männliche Leser vermutlich gut nachvollziehen können.

Neben dem Superhelden-Dasein bilden Comics ein zweites zentrales Thema des Buchs – hier einmal nicht in visueller, sondern in beschreibender Textform: Rory, auch wenn er im Gegensatz zu seinem Vater kein Comic-Fan ist, visualisiert sich zwischendurch als grüner Held in verschiedenen parodistischen Comic-Sequenzen. Dadurch beweist er zum einen eine ironische Distanz zu sich selbst und repräsentiert somit eine sympathische Identifikationsfigur für junge Leser. Zum anderen sprechen die imaginierten Comic-Panels des Protagonisten insbesondere Comic-Fans an.

Einzig der Spannungsbogen könnte etwas straffer gestaltet sein. Die Handlung beginnt mit spannenden Fragen – warum ist Rory ganzkörpergrün? Hat er wirklich Superkräfte? –, die durch den actionreicheren, nicht ganz so zielorientierten Teil der Erzählung hindurch etwas aus dem Blick geraten. Dies mag jugendlichen Lesern indes weniger ausmachen als erwachsenen Lesern mit vorgeprägten Genreerwartungen. Ähnliches gilt für die Überschriften der leserfreundlich kurz gehaltenen Kapitel. Die Überschriften fungieren als humorvolle Kurzzusammenfassungen oder als vorausdeutende Teaser und sind wechselweise aus verschiedenen Perspektiven formuliert: aus der Sicht einer übergeordneten, von außen bewertenden Erzählstimme, vielleicht im Rahmen eines Comic-Panels, („unsere beiden Helden“, S. 150), aus Rorys Perspektive („Woran ich mich erinnere“, S. 9) oder aber neutral („Montagmorgen“, S. 32). Trotz dieser steten Perspektivwechsel bilden die Kapitelüberschriften witzige Textelemente, gerade weil sie anarchisch ‚dazwischenquatschen‘.
Humor ist wesentlicher Bestandteil des Buchs, der Handlung und Figuren trägt. Dazu tragen beispielsweise die lakonischen Dialoge zwischen den beiden Jungen bei:
„[Rory] ‚Was ist denn? Was ist los? Geht es dir nicht gut?‘
[Tommy-Lee] ,Ich denke nach.‘
‚Oh. Ach so.‘
‚Nee. Zwecklos. Mir fällt nix ein.‘“ (S 11)

Für Erheiterung in Form eines running gags sorgen die unerschütterlichen Pinguine, die Tommy-Lee auf Schritt und Tritt folgen (und von denen übrigens auch einer auf dem Cover abgebildet ist), zumal Pinguine im Kinderbuch derzeit beliebte Begleiter zu sein scheinen. Figuren und Handlung werden jedoch nicht der Lächerlichkeit preisgegeben, denn bis das Katzenkillervirus am Schluss für die Grünfärbung verantwortlich erkärt wird, bleibt offen, ob Rory tatsächlich „ein bisschen teleportieren“ kann und eine Gehirnleistung von 200 % hat. Und das Nachwort, das vermutlich kaum von allen Lesern gelesen wird, verweist beispielhaft auf die erstaunlichen Superheldenkräfte, die in jedem schlummern.

Der preisgekrönte Autor Frank Cottrell Boyce hat mit „Broccoli-Boy“ eine schöne Anti(super)helden-Erzählung geschrieben. Das Buch lädt zum Lachen und Nachdenken ein, ohne sentimental zu werden, was jugendlich-männlichen Lesern der Altersgruppe 10 bis 12 Jahre entgegenkommt – und das mit einer netten ‚Message‘: Als die grüne Farbe plötzlich wieder zu verschwinden beginnt, merkt Rory, dass ihn erst die Erfahrung des Andersseins superheldenstark gemacht hat.

Als Einzellektüre empfiehlt sich „Broccoli-Boy rettet die Welt“ dem etwas fortgeschritteneren Leser, da es mit 352 Seiten recht lang ist. Doch auch als Schullektüre, gerade im koedukativen Unterricht, oder z.B. in einer Lese-AG ist das Buch denkbar. Zur vertiefenden Beschäftigung mit dem Thema könnten Schüler einen eigenen Superhelden erfinden und zeichnen.