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Buchcover Frohe Weihnachten, Zwiebelchen

Rezension von Eva Maus

Der Erstklässler Stig, Zwiebelchen genannt, hat weder ein Fahrrad noch einen Vater und zu seinem großen Missfallen wird sich daran offenbar auch dieses Weihnachten nichts ändern – doch dann kommt einiges anders als gedacht. Ein leicht lesbares Weihnachtsbuch voller lebendiger, warmherziger Figuren und einem Protagonisten, der nicht fehlerfrei, aber absolut liebenswert ist.

BuchtitelFrohe Weihnachten, Zwiebelchen
AutorFrida Nilsson
GenreGesellschaftskritik
Lesealter8+
Umfang122
VerlagGerstenberg
ISBN978-3-8369-5860-8
Preis12,95
Erscheinungsjahr2015

Zwiebelchen heißt eigentlich Stig, wohnt in einer schwedischen Kleinstadt und geht in die erste Klasse. Zu Weihnachten hätte er sehr gern ein Fahrrad, aber das ist zu teuer. Außerdem will er unbedingt seinen Vater kennen lernen, aber auch diesen Wunsch kann ihm seine Mutter nicht erfüllen. Also überlegt Zwiebelchen, ob der seltsame Karl von der Autowerkstatt, der angeblich Hühner hypnotisieren kann, vielleicht auch seine Mutter hypnotisieren würde, damit sich seine Weihnachtswünsche doch noch erfüllen. Obwohl das nicht klappt, bemerkt Zwiebelchen, dass Karl ein ziemlich netter Kerl ist und dass es ihm viel Spaß macht, sich um seine Hühner zu kümmern. Aber dann halten seine Klassenkameraden den ungepflegten und humpelnden Karl für Zwiebelchens Vater, sein Fahrradwunsch bringt ihn in Schwierigkeiten und als alles zu schlimm wird, beschließt er auf eigene Faust, sich durch den ersten, tiefen Schnee nach Stockholm zu kämpfen, um seinen echten Papa zu finden. Zum Glück halten die Weihnachtsfeiertage doch noch ein Happy End bereit – nur nicht ganz so, wie sich Zwiebelchen das vorgestellt hatte.

Plötzlich schnappt jemand nach Luft und fängt an, superlaut zu flüstern. Und dann noch jemand. Zwiebelchen weiß nicht, worüber sie tuscheln, aber es ist ihm auch egal, denn jetzt hat er Mamaim Mittelgang entdeckt. Sie sucht nach einem Platz. Und Karl ist dabei!

Zwieblechen freut sich. Darüber haben Mama und Karl also gesprochen, als Mama in der Werkstatt vorbeigeschaut hat. Sie hat Karl zum Lucia-Fest eingeladen, um Zwiebelchen zu überraschen! Er hüpft und winkt, damit sie ihn sehen.

„Hallo!“, ruft er.

„Stig, sssch“, flüstert die Lehrerin. „Jetzt gebt euch bitte alle Mühe und steht still.“

Karl hat Zwiebelchen gesehen. Er winkt zurück und sagt etwas zu Mama. Mama schaut zu ihm. Sie lächelt, ihre Augen glänzen. Sie winkt auch und quetscht sich auf eine der Bänke. Karl bekommt den Platz direkt neben ihr.

Rund um Zwiebelchen wird das Getuschel immer schlimmer und schlimmer. Jemand lacht, Lisen schlägt die Hände vor den Mund. Dann beugt sie sich zu Majken.

„Der Typ von Moto-Fix ist Stigges Papa!“, flüstert sie.

Und Majken schnappt auch nach Luft, reckt den Hals und schaut in die Menge. Sie nickt und schlägt die Hände vor den Mund, genau wie Lisen.

Es dauert einen Moment, bis Zwiebelchen kapiert, was los ist. Ein paar Sekunden oder so. Aber als es ihm endlich aufgeht, da fangen seine Wangen, seine Stirn und seine Ohren an zu brennen.

Denn da sitzen sie, alle Mamas und Papas. Zwei und zwei, wie es sich gehört. Mama und Karl sitzen genauso nebeneinander. Und Zwiebelchen hat doch behauptet, dass er einen geheimen Papa hat.

„Ist er nicht!“, faucht er.

Nein, Karl ist NICHT Zwiebelchens Papa. Zwiebelchen mag Karl gerne, aber das ist nicht dasselbe! Zwiebelchens Papa ist schick! Mit Mundwinkel, die nach oben zeigen, mit blonden Haaren und haarigen Schultern! Kein hinkender, verlotterter Kerl mit schmutzigem Hemd und Bartstoppeln!

Und was heißt schon mögen! Zwiebelchen ist sich gar nicht mehr so sicher, dass er Karl mag. Was hat er überhaupt hier zu suchen? Weiß er denn nicht, dass das Lucia-Fest nur für Eltern ist? Er soll von hier verschwinden!
(S.65-66)

In Zwiebelchens Haut zu schlüpfen, fällt ganz leicht. Trotz der einfachen, meist kurz gehaltenen Sätze scheinen seine Gedanken und Gefühle so plausibel, dass der Leser den Erstklässler sofort liebgewinnt und verstehen kann – auch wenn Zwiebelchen an einigen Stellen die falschen Schlüsse zieht. Obwohl er sich manchmal als Außenseiter in seiner Klasse fühlt – allein schon, weil er keinen Vater hat – scheint er doch allgemein akzeptiert und wird weder gemobbt noch ausgeschlossen. Damit ist er eine geeignete Identifikationsfigur für Jungen (und Mädchen) im Vor- und Grundschulalter. Dass er manchmal ein anderes Selbstbild hat, ändert nichts daran. Die sozialen Normen, mit denen er hadert (Man hat einen gepflegten Vater! Man hat ein Fahrrad!), sind zwar im Verhalten anderer erkennbar, aber ihr Verstoß würde eigentlich kein größeres Problem darstellen. Das zu erkennen, ist für Zwiebelchen aber eine nicht ganz einfache Aufgabe. Auf dem Weg zum Happy End manövriert er sich deswegen immer wieder in witzige, spannende und auch unangenehme Situationen.

Der Erstklässler hat große und kleine Wünsche, die seine alleinerziehende Mutter nicht erfüllen kann. Gleichzeitig hat er aber eine liebe Mutter, viele Freiheiten und nach den ersten Kapiteln des Buches auch ein guten Freund in dem schratigen Karl, der zwar keine Hühner hypnotisieren, dafür aber sehr gut zuhören kann und auch sonst ein netter Kerl ist. Und genau darin liegt die große Stärke von „Frohe Weihnachten, Zwiebelchen!“: Kinder wie Erwachsenenfiguren werden nicht mit vielen Worten beschrieben, sind aber dennoch lebendige, sympathische, runde und warmherzige Charaktere zum Gernhaben.

In 24 Kapiteln, die auch ein (vor-)lesen als literarischer Adventskalender ermöglichen, erzählt Frida Nilsson chronologisch und in einfacher Sprache aus Zwiebelchens Sicht in der Er-Form. Die Bilder von Anke Kuhl tun ihr Übriges, um eine gekonnte Balance zwischen vielschichtiger Geschichte und kindgerechter Gestaltung herzustellen.

Dass es schließlich zum Happy End kommen kann, hat Zwiebelchen zu großen Teilen sich selbst zu verdanken, weil er in Karl einen väterlichen Freund gefunden hat, den er schließlich auch als solchen akzeptieren kann. Gleichzeitig ist aber auch das immer vorhandene Wohlwollen aller anderen – der Lehrerin, seiner Mitschüler, der Nachbarn, seiner Mutter und nicht zuletzt Karls – von Bedeutung. Es braucht also kein Weihnachtswunder, um Zwiebelchen glücklich zu machen. Insgesamt wird die Weihnachtszeit nicht verklärt, sondern auch als anstrengende Familienaufgabe und Anlass gesellschaftlicher Traditionen beschrieben, die durchaus Probleme bergen können. Trotzdem verleihen die Feiertage dem Happy End einen besonderen Glanz und so ist „Frohe Weihnachten, Zwiebelchen!“ ein echtes, realistisches und absolut empfehlenswertes Weihnachtsbuch.

Wegen seines geringen Umfangs und der einfachen Erzählweise eignet sich „Frohe Weihnachten, Zwiebelchen!“ als private Lektüre ebenso wie im Schulunterricht zum Vor- und Selbstlesen ab der 1.Klasse – insbesondere natürlich in der Vorweihnachtszeit.

Mit Zwiebelchen bietet das Buch eine positive Figur, mit der sich Jungen wie Mädchen gleichermaßen identifizieren können. Es werden zudem zahlreiche Themen auf inhaltlicher Ebene angerissen, die im gemeinsamen Gespräch aufgearbeitet werden können, aber nicht müssen. Dazu zählt beispielsweise Zwiebelchens Verhalten an mehreren Textstellen aus moralischer Sicht: Er verleugnet beispielsweise zunächst seinen Freund Karl, nimmt ein vielleicht herrenloses Fahrrad einfach mit und lehnt aus Sturheit die Entschuldigung eines Klassenkameraden ab. Die zwar aus seiner Sicht plausible, aus Lesersicht aber manchmal fehlerhaften, Einschätzungen Zwiebelchens können darüber hinaus eine erste Beschäftigung auf erzählanalytischer Ebene ermöglichen.

Aber auch ohne solche Bearbeitungen ist „Frohe Weihnachten, Zwiebelchen!“eine lohnende Weihnachtslektüre für gemeinsames oder individuelles Lesevergnügen, die Festtagsstimmung beinhaltet sowie ein bisschen Spannung und ganz viel Herzenswärme vermittelt.