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Buchcover Morton Rhue: Creature. Gefahr aus der Tiefe

Rezension von Ines Heiser

Der große Terrafin ist die mörderischste Tiefseekreatur auf dem Wasserplaneten Cretacea – und der Waisenjunge Ismael ist gemeinsam mit seiner noch unerfahrenen Crew auf der Jagd, um ihn zu erlegen. Morton Rhues „Creature“ ist ein durchgehend spannendes Leseabenteuer, das darüber hinaus auf originelle Weise den Zugang zu einem Klassiker der Weltliteratur („Moby Dick“) vorbereiten kann.

BuchtitelCreature. Gefahr aus der Tiefe
AutorMorton Rhue
GenreAbenteuer
Lesealter14+
Umfang476
VerlagRavensburger
ISBN978-3-473-40150-5
Preis17,00
Erscheinungsjahr2017

Der Waisenjunge Ismael wächst bei liebevollen Pflegeeltern auf der zerstörten Erde auf. Er entschließt sich, eine Arbeitsmission auf dem Planeten Cretacea anzunehmen, um seinen Pflegeeltern einen sicheren Lebensabend fernab der Erde finanzieren zu können.

Er wird gemeinsam mit vier weiteren Neulingen – Billy, Queequeg, Gwen und Pip – auf dem Schiff Pequod stationiert, das Fischfang betreiben und die Ressourcen zur Erde schicken soll. Das Einleben an Bord wird durch die gereizte Stimmung der Stamm-Mannschaft erschwert: Ahab, der Kapitän, vernachlässigt den Walfang, um einem riesigen Terrafin nachzujagen und setzt so die Gewinnbeteiligungen aufs Spiel.

Bei der Terrafinjagd ergeben sich verschiedene Abenteuer: Ismael, Billy, Queequeg und Gwen lernen eine im Verborgenen naturverbunden lebende Inselkommune kennen und werden von Piraten gefangen genommen. Schlussendlich auf die Pequod zurückgekehrt, behandelt man sie zuerst als Deserteure, Ahab lässt sie dann aber beim Angriff auf den großen Terrafin, der endlich aufgetaucht ist, helfen. Der Kampf wird in der Erzählung ausgespart, Ismael erwacht später auf einer Krankenstation. Es stellt sich heraus, dass seine Reise nach Cretacea eine Zeitreise zurück in die Kreidezeit (Cretaceum) ist, wohin die Menschen aus einer verseuchten Zukunft flüchten. Mit Hilfe von Pip, der aus der Elite der „Goldenen“ stammt, die dieses Wissen geheim hält, flieht Ismael gemeinsam mit Gwen und Queequeg; sie schließen sich den Inselbewohnern an.

Eine Leseprobe kann auf buecher.de eingesehen werden.

In „Creature“ zeigt sich Rhue ein weiteres Mal als routinierter und vielseitiger Erzähler. Das Setting – der Wasserplanet Cretacea – ist originell und ermöglicht Variationen typisch dystopischer Erzählmuster; der Genremix mit dem klassischen Seefahrer- bzw. Piratenabenteuer im Stil der Filmreihe "Fluch der Karibik" überzeugt durchgehend. Der Protagonist Ismael besticht durch Integrität, ohne moralisierend zu wirken: Er ist geschickt, mutig und in seinen Handlungen erfolgreich, gleichzeitig aber auch loyal, ehrlich und fürsorglich und kann so für Heranwachsende gleichzeitig Identifikationsfigur und Vorbild sein. Dadurch, dass im Zentrum der aus Ismaels Perspektive erzählten Geschichte fast durchgängig die ganze Gruppe der jugendlichen Neulinge auf der Pequod steht, wird das Identifikationspotenzial noch einmal erweitert und es werden ganz verschiedene Leseinteressen bedient: Die widerborstige Gwen, der stotternde Billy und Queequeg, der besonders stark ist und über die eigentlich verbotene Fähigkeit des Lesens verfügt, ergänzen sich und stellen nur gemeinsam eine handlungsfähige Crew dar – wie wichtig der Zusammenhalt ist, betont auch der altgediente Harpunier Fedallah: „Niemand fängt einen Terrafin allein“ (S.99).

„Creature“ ist durchzogen von Verweisen auf einen Klassiker der Abenteuer-Literatur, Melvilles ´Moby-Dick` (1851). Parallelen zeigen sich etwa in den Namen (auch bei Melville heißt das Schiff Pequod, der Protagonist Ismael, sein Mitmatrose und Harpunier Queequeg; der verrückte Kapitän Ahab und der erste Steuermann Starbuck) sowie in der Jagd-Handlung, bei der ein möglicherweise mythologisches Wesen – bei Melville ein weißer Pottwal, bei Rhue der große Terrafin – zur Strecke gebracht werden soll. In beiden Romanen endet die Jagd mit der Zerstörung des Schiffs, die nur der Protagonist (bzw. bei Rhue die erweiterte Protagonistengruppe) überlebt. Wie für doppelsinnige Kinder- bzw. Jugendliteratur üblich, arrangiert Rhue die literarischen Anspielungen allerdings so, dass sie nur für den erfahrenen und informierten Leser erkennbar sind – eine Lektüre, die sich schlicht auf die Abenteuergeschichte konzentriert und die Beziehung zur Vorlage übergeht, ist genauso möglich.

Dabei ist der Roman zwar eher umfangreich, die 83 Einzelkapitel sind aber relativ kurz und teils noch zusätzlich in weitere Erzählabschnitte untergliedert, so dass auch ungeübtere Leser sich gut zurecht finden können; lediglich die – zu Beginn etwas häufiger vorkommenden – Wechsel zwischen verschiedenen Zeitebenen stellen höhere Ansprüche an das Leseverstehen, da sie nicht immer eindeutig markiert sind, bzw. sich hauptsächlich daran erkennen lassen, dass die Erzählung ins Präteritum wechselt (die Haupthandlung wird im Präsens erzählt).

Trotz der verschiedenen Zeitebenen – deren tatsächlicher Zusammenhang erst am Ende deutlich wird – gelingt es leicht, sich in der Erzählung zurecht zu finden: Rhue arbeitet hauptsächlich mit in sich abgeschlossenen Teilepisoden, die aufeinander folgen und in sich konventionell erzählt sind, wie etwa das Eintreffen und erste Einleben auf der Pequod, an die sich der ungeplante Aufenthalt bei den Insulanern anschließt auf den – nach einer kurzen Zwischenstation auf dem Schiff – dann die Entführung durch Piraten folgt usw. Dadurch wirkt die Auflösung am Ende etwas überraschend, da im Verlauf der Handlung nur sehr vereinzelt Hinweise auf die tatsächliche Zeitreise zu finden sind. Gerade diese Konstellation kann aber zur erneuten Lektüre herausforden, um zu überprüfen, ob keine logischen Fehler vorhanden sind und Rhue seine Idee konsequent durchgehalten hat.
Morton Rhues „Creature“ ist also ein durchgehend spannendes Leseabenteuer, was darüber hinaus auf originelle Weise den Zugang zu einem Klassiker der Weltliteratur vorbereiten kann.

Wegen des größeren Umfangs eignet sich „Creature“ als private Einzellektüre v.a. für solche Jungen, die flüssige Leser sind und denen lediglich der richtige Lesestoff fehlt. Für Jungen auf einem mittleren Leseniveau empfiehlt sich eher eine begleitete Lektüre, z.B. gemeinsam mit einem Lesecoach oder Lesefriend, d.h. also mit einem kompetenten Gegenüber. In diesem Zusammenhang kann die oben beschriebene Doppelsinnigkeit ein besonders gutes Gesprächsangebot darstellen, Rhues Bezugnahmen auf Melville lassen sich dann gemeinsam heraussuchen und diskutieren.

Der Roman kann seinen Platz in Lesekisten zum Thema Dystopie bzw. zur klassischen Abenteuerliteratur finden oder auch in solchen, die sich mit ökologischen Problemen befassen, und er ist gut geeignet für jede Art von freien Leseangeboten, etwa als Bestandteil von Schul- oder Klassenbüchereien. Gegen eine Verwendung als Unterrichtslektüre spricht hauptsächlich der große Umfang, obwohl eine Auseinandersetzung mit den Melville-Zitaten im fortgeschrittenen Englischunterricht eine interessante Ergänzung darstellen könnte.

Inhaltlich spricht „Creature“ besonders naturwissenschaftlich Interessierte und Science-Fiction-Fans an.